Bevor ich Kinder hatte, war ich die beste Mutter der Welt. Über Vorurteile, Außenwirkung und fehlendes Verständnis
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Ich war die beste Mutter der Welt – bevor ich Kinder hatte

Bevor ich eigene Kinder hatte, war ich die beste Mama der Welt!

„Herrje, geht die da wirklich in Jogginghosen und ungekämmt mir ihrem Kind zum Bäcker? Und warum hat sie dem Kind nicht einmal die Schokocreme aus dem Gesicht gewischt, bevor sie los gingen? Oh Gott, die Flecken auf dem Oberteil vom Mäuschen gehen ja auch überhaupt nicht. Warum zieht man sein Kind nicht ordentlich an, bevor man das Haus verlässt? Und dann sitzt die da auf dem Spielplatz und starrt ins Smartphone, während ihr Kind dreckigen Sand isst … Verantwortungslos!“

Kennst du? Kennst du bestimmt. Bevor ich Kinder hatte, war ich ziemlich schnell mit Vorurteilen. Ich wusste genau, dass die Eltern, die abgehetzt beim Arzt auf der Matte standen und irgendwas von Zähnen brabbelten, einfach ein schlechtes Zeitmanagement hatten. Ich wusste auch, dass ich mein Kind niemals so verwahrlosen lassen würde wie die Mama ihr Kind beim Bäcker. Oder dass mir das nie passieren würde, ein lautes, freches und brüllendes Kind zu haben – alles eine Sache der Erziehung. Vom hohen Ross urteilt es sich eben leichter. 

Hach, wie schön naiv ich war, bevor ich Kinder hatte.

Dann kam die Große zur Welt. Allein während der Schwangerschaft wurde ich schon mit der harten Realität konfrontiert, dass nichts von diesen Hollywoodinszenierungen mit echten Schwangerschaften zu tun hat. Dass man auch mal mit strähnigen Haaren beim Arzt steht, Augenringe bis zum Kinn, weil der Bauchbewohner nachts scheinbar Rumba tanzen gelernt hat. Und dann war sie da. Dieses kleine Bündel Leben, das so anders war, als die ganzen „Was dein Baby kann…“-Bliblablubb-Seiten im Internet so zu wissen schienen.

Dennoch bemühte ich mich, nach außen die Mama zu sein, die ich sein wollte. Nicht wie diese Mütter, die so fertig und ausgelaugt aussahen und ihr Leben scheinbar nicht im Griff hatten. Diese Blöße wollte ich mir außerdem nicht geben, schließlich hatte ich als junge Mama eh schon mit genügend Vorurteilen zu kämpfen.

Allerdings ändern sich die Ansichten, wenn man mittendrin steckt, statt von außen zu bewerten.

Mittlerweile, etwa 11 Jahre später und mit 5 Kindern an der Hand, kann ich sagen, herrje war ich voreingenommen. Bevor ich Kinder hatte, wusste ich genau, wie ich wo und wann handeln würde, was nötig sei, um meine Kinder „im Griff“ zu haben und dass diese kleinen Wutmonster nur so sind, weil die Eltern sie nicht erziehen. 

Mittlerweile weiß ich es besser. Ich weiß mittlerweile, dass eine Breze vom Bäcker, bevor man überhaupt richtig spazieren gehen kann, Wunder wirkt. Dass die Zeit manchmal trotz sinnvoller Vorbereitung so knapp ist, dass man mit Zahnpastaflecken und Hauspuschen statt mit Kleidchen und Pumps in den Kindergarten läuft. Oder das Babykotze auf der Schulter dekorativ wirkt und vom offenen Hosenstall ablenkt.

Ja, ich weiß nun auch, dass Spielzeug überall verteilt und die kalte Tasse Kaffee im Klo nichts mit schlechter Selbstorganisation zu tun hat, sondern mit ganz normalem Elternwahnsinn. Denn Kinder zu haben ist mehr, als Spiele spielen. Mehr als die Nutellawerbung mit steril reinem Haushalt. Kinder haben bedeutet dreckige Klamotten von früh bis spät. Es bedeutet auch, dass man Konflikte schlichten muss und manchmal unpädagogisch handelt, um für sich selbst einzustehen. Und es bedeutet ebenso, dass man ab und an seine Prinzipien hinterfragen und über Bord werfen muss, wie bei der Süßigkeitenfrage, der Kleiderwahl und den Medienzeiten.

Heute muss ich mir Prioritäten setzen, was mir wichtig erscheint. Wofür ich meine Energie und meine Kraft aufbringe und welche Kämpfe sich nicht lohnen. Und ich hinterfrage immer wieder, ob ich etwas durchsetzen möchte, weil es mir wichtig ist oder weil „man es halt so macht“.

Liebes kinderloses Ich, du lagst falsch!

Bevor ich Kinder bekam, wusste ich wirklich alles. Wie ich meine Kinder zum schlafen bewege, wie ich mit Wutanfällen (meinen und denen meiner zukünftigen Kinder) umgehe, dass das Kind eben mal zugunsten des Haushalts zurückstecken muss. Ich wusste, dass ich mich niemals so gehen lassen, immer auf die Ernährung achten und niemals im Plussizebereich wandeln würde. Ich wusste alles.

Und gleichzeitig wusste ich nichts. Aber ich habe aufgrund von Momentaufnahmen geurteilt.

Die Mama, die gerade in Jogginghosen ihr Kind zum Bäcker trägt, deren Kind noch im Schlafanzug mit Schokocreme verschmiert in der Hüfte sitzt, hat wahrscheinlich gerade verdammt viel um die Ohren. Vielleicht zahnt das Mäuschen gerade oder es steckt in einem Schub. Und wenn sich das Kind nicht ablegen lässt, weil es sonst eben herzzerreißend weint, dann geht man in Schlumperklamotten zum Bäcker, um mit Breze und Schokocroissant wenigstens irgendwas tolles an dem Tag zu haben.

Und die Mama, die in ihr Smartphone starrt, ermöglicht ihrem Kind so den Spielplatzbesuch, obwohl sie vielleicht arbeiten müsste und das nun vom Smartphone aus macht. Weil sonst ihr Kind noch mehr zurück stecken müsste.

Ja, vielleicht hatten die Eltern, bei denen du zu Besuch warst, einfach keine Zeit, die Socken vom Boden aufzusammeln und den Tisch lupenrein abzuwischen. Vielleicht sieht es auch komisch aus, dass Platschie, die Badeente gerade im Klo schwimmt. Aber dem Kind geht es gut. Es gluckst und ist zufrieden, während die Eltern einfach nur erschöpft sind.

Und manche Zornanfälle, wie du sie beobachtest, kann man nicht verhindern. Durch manche Wutanfälle kann man nur begleiten, Verständnis für die Gefühlswelt des Kindes aufbringen und andere Lösungswege anbieten. Das hat nichts, rein gar nichts mit schlechter Erziehung zu tun. Denn wo das Kind so viel Vertrauen hat, dass es seinen Gefühlen freien Lauf lässt, ist auch Liebe im Raum.

Schau genau hin, hör genau zu und urteile nicht, wenn du nicht selbst in den Schuhen der Eltern gelaufen bist

Neulich im Supermarkt war eine Mama mit Kind, über die ich vor meinen eigenen Erfahrungen ziemlich schnell geurteilt hätte. Ihr Mäuschen zeterte und zornte und schrie, während sie versuchte, es zu beruhigen und zu begleiten. Ich sah, wie sie kämpfte – mit den Tränen und sich selbst. Und während andere Menschen naserümpfend vorbei liefen, ging ich auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Arm und flüsterte: „Sie sind nicht allein.“ In dem Moment fiel ein wenig Ballast ab und die Ruhe übertrug sich auf ihr Kind.

Mit Vorurteilen und abschätzigen Blicken hat man im Alltag schon genug zu kämpfen. Verständnis ist das was fehlt. Verständnis dafür, dass nicht jegliches Verhalten auf Erziehungsfehler zurückzuführen ist. Dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt. Und dass sich die Ausgangssituation trotz Gemeinsamkeiten massiv unterscheiden kann.

Bevor ich Kinder hatte, war ich eine Supermom. Jetzt bin ich die mit Kümeln im Bett, Brombeerflecken auf dem Boden und Jogginghose im Supermarkt. Liebes kinderloses Ich, du wirst noch einiges lernen müssen.

Herzlichst, die Julie

 

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6 Comments

  1. Daniela :) says:

    Bester Beitrag ever. So ist es im Leben generell… die Dinge, die man nicht selbst erlebt, kann man selbst auch nicht beurteilen. Diese Erfahrung hab ich auch schon oft gemacht und es lebt sich so viel angenehmer wenn man sich nicht um anderer Leute Welt auch noch „kümmern“ muss. Sollte wirklich jeder beherzigen, dann wird das Leben leichter, das eigene und das der anderen.

    1. Danke 🙂 Ja, da hast du Recht. Vor der eigenen Haustür zu kehren, macht am meisten Sinn. 🙂

  2. Ich kann mich Daniela nur anschließen, Dein Beitrag ist echt gut. Erst wenn man es selbst erlebt habt, kann man es nachvollziehen. Bei uns war es ein Vortrag zum Thema Medienkonsum von Teenies.

    1. Vielen Dank =)
      Hach ja, wenn ich bedenke, wie viel Lebenszeit bei mir für Sailormoon oder Buffy drauf ging, darf ich mir da eh kein Urteil erlauben. 😀

  3. Unpädagogisch handeln, um für sich selbst einzustehen…
    Wie wahr wie wahr.

    Vielen Dank, wenn mich das nächste Mal das schlechte Gewissen plagt, werde ich an deine Worte denken.

    1. Liebe Ariane,
      wir müssen manchmal auch einfach an uns denken, an unsere Grenzen und unsere Bedürfnisse. Ich glaube, die Kinder tragen wirklich keinen Schaden davon, wenn sie mal mit Eis vor dem Fernseher abgespeist werden oder alle paar Wochen das Zähneputzen zugunsten eines ununterbrochenen Schlafs ausfällt. Lieber entspannt erziehen statt verbissen auf eigens aufgestellte pädagogische Maßstäbe beharren.
      Herzliche Grüße

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