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Der macht das doch mit Absicht! // Von schmutzigen Kleidern und glücklichen Kindern

Ich hatte neulich eine interessante Unterhaltung auf einer Social Media Plattform, bei der es darum ging, dass Kinder sich doch bitte nicht dreckig machen sollen. Die Argumentation lief in etwa so, dass damit die Arbeit der Eltern nicht gewürdigt würde. Und auch sonst erlebe ich es immer wieder, dass vor allem kleine Kinder dazu angehalten werden, die Kleidung ja nicht schmutzig werden zu lassen, denn schließlich seien das ja gute Klamotten.

Aber was sind denn bitte gute Klamotten? Und sind die anderen böse oder schlecht? 

Sicher haben wir auch das ein oder andere Teil, bei dem ich es wirklich ungern sehe, wenn eine Laufmasche sich den Weg bahnt oder der Löwenzahnfleck das ganze Kleidchen „ruiniert“. Aber ehrlich, ich glaube nicht, dass ein dreijähriger Knirps, wenn er gerade freudestrahlend im Matsch sitzt und versucht, daraus eine Figur zu formen, sich Gedanken darüber macht, ob die Hose jetzt teuer, neu oder gar handgenäht war. Dem Knirps geistert da alles andere durch den Kopf, aber nicht der materielle und ideelle Wert der Kleidungsstücke, die er trägt. Er will die Konsistenz von Matsch fühlen, wie er durch die Finger gleitet, ertesten, ob er was daraus bilden  oder mit Schmutzfingern auf den Teer daneben „scheiben“ kann.

Entdecken, fühlen, erleben, lernen

Genau das ist es, an was Kinder denken, wenn sie sich draußen austoben. Sie wollen die Welt erobern, lachen und Spaß haben. Und sich keine Sorgen machen müssen, dass Mama an die Decke geht, weil die 60 Euro-Hose – was sind 60 Euro in Kinderaugen eigentlich? – durch Löwenzahn gerollt wurde. Ohne Einschränkung und Hintergedanken. Ohne jemandem etwas böses zu wollen. Einfach etwas mehr über sich selbst und die Umwelt  lernen.

Genau dazu gehört es, dass Kinder Sand durch die Finger rieseln lassen, versuchen, mit Löwenzahnsaft zu schreiben, mit dem Hintern auf der Erde sitzen und dabei mit bloßen Fingern Löcher graben. Gedankenlos und frei.

Bosheit? Absicht? Oder einfach nur Kindheit?

Ich saß nun wirklich ernsthaft da und überlegte, ob meine Kinder mir bewusst und mit Absicht durch schmutzige Kleider mehr Arbeit machen. Legen sie es darauf an, dass ihre Kleidung mit Essensflecken, kleinen Löchern und „Verschönerungen“ durch die Natur versaut werden? Würdigen meine Kinder wirklich die Zeit, die ich damit verbringe, ihre Kleidung wieder in Ordnung zu bringen und ggf. zu ersetzen nicht? Oder denken sie sich einfach nichts dabei, weil gerade etwas anderes nun mal wichtiger ist?

Elternwünsche und die Realität

Und ich kam zu dem Entschluss, dass die eigenen Ansprüche der Eltern an hübsche und adrett gekleidete Kinder in weißen Kleidchen, die sich brav an den Sandkastenrand setzen und am besten vorher noch ein sauberes Tuch zum Schutz der ausgewählten Markenklamotten unterlegen, dem der reellen Kindheit einfach gänzlich widersprechen. Ich kenne wirklich kein einziges Kind, das im Park lieber auf brav auf der Picknickdecke sitzen bleibt, statt Schmetterlingen nachzujagen oder mit den anderen Kindern verstecken zu spielen. Ich kenne aber auch kein Kind, das wohlwollend am Rand des Spielplatzes auf der Parkbank Platz nimmt, weil es keinen Spaß am Schaukeln oder Bauen von Ritterburgen hat.

Nein, ehrlich, ich glaube nicht, dass Kinder sich aus Boshaftigkeit schmutzig machen oder Kleidungsstücke in Putzlappen umwandeln. Bestimmt sitzt auch keines da und denkt sich „Der Mama geb ich es jetzt dreckig und wälze mich in Tomatensoße, einfach weil sie so ungern wäscht!“ oder „Meine Eltern sind so faul, die könnten ruhig öfter waschen, ich helfe mal nach!“ oder?

Kinder machen sich nicht absichtlich dreckig. Es passiert halt. Beim Spielen, beim Essen, beim Malen – beim (Er-)Leben! Es sind eben Kinder und keine Erwachsenen, die sich vorher überlegen, ob sie zum Umgraben des Gartens das teure Markenshirt tragen oder den ausgefransten Pulli, der seit Jahrzehnten im Schrank liegt.

Ausnahmen bestätigen die Regel und „Gebraucht“ macht weniger Bauchschmerzen

Ich kann verstehen, dass die Mäuse beim 75. Geburtstag der Omi heraus geputzt sein sollen. Es ist auch klar, dass man sein Kind ungern verfleckt und mit durchlöcherten Dingen mit in die Stadt nimmt. Doch, das kann ich nachvollziehen, wirklich. Dennoch muss man sich einfach bewusst machen, dass es Kinder sind.

Wir haben für die wenigen „besseren“ Anlässe extra Kleidung. Kleidung, die neu, ohne Flecken und Löcher und dementsprechend hochwertig ist. Diese wenigen Stücke werden von den Kindern behütet und beschützt wie ihr eigener Augapfel. Sie wissen, das sind die Kleidchen und Hemden, wenn wir zu Opas Geburtstag schick essen gehen oder uns für das Kindertheater rausputzen. Doch für all diese Situationen haben wir dennoch immer Ersatzkleidung dabei, die dreckig werden darf, wenn die Kinder mit anderen Mäusen nach dem Essen über den Spielplatz toben oder sich beim Nachtisch die Vanillesoße auf den Bauch streichen.

Ansonsten tragen meine Kinder überwiegend Second Hand. Nicht, weil wir es uns nicht leisten können, sondern weil es Sinn macht. Alle Giftstoffe sind schon raus gewaschen, die Sachen sehen beim Kauf dennoch meist aus wie neu. Und es tut nicht so sehr weh, wenn die Schneckenfinger an die 2-Euro-Hose geschmiert oder den Erdbeermund an den Ärmel des 1,50-Euro-Shirts abgeputzt werden. Durch schmutzige Kleider lassen wir uns nicht die Laune verderben.

Denn, ehrlich, es macht viel mehr Spaß, mit den Kindern durch Matschpfützen zu toben, Regenwürmer auszugraben und Löwenzahnbilder zu malen, statt sich Gedanken zu machen, ob sie die Arbeit hinter sauberer Wäsche nicht zu würdigen wissen.

Und spätestens wenn aus den kleinen Dreckspatzen Teenies werden, wünscht man sich diese unbedarften fröhlichen kleinen Wesen mit dem Entdeckertrieb zurück! Versprochen!

Herzlichst, die Julie

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8 Comments

  1. Hihi!

    Wer Kindern teure Klamotten anzieht, die nicht dreckig werden dürfen, hat etwas Grundlegendes nicht verstanden, glaube ich.

    Den Kindern aber dann auch noch zu unterstellen, dass sie sich mit Absicht dreckig machen, ist eigentlich schon traurig.

    Wir halten es ebenso wie bei euch. Es gibt Kleidung für schicke Anlässe und es gibt die „Entdecke-die-Welt“-Kleidung. Bei besonderen Anlässen wird die entsprechende Kleidung so spät wie möglich angezogen – was nicht heißt, dass das immer gut geht. Aber mei, wenn nicht… wenn man sonst keine Probleme hat als nen Fleck auf der Kleidung, dann ist doch eh alles paletti 🙂

    Lg, Karin

    1. Hallo Karin,
      vielen Dank für deine Rückmeldung. Wenn ich bedenke, wie oft ich mich mit Soßen bekleckere oder beim Kochen beschmiere, darf ich ja eh keinen Mucks machen …. 😀
      Da gibt es wirklich essenziellere Probleme als die Flecken in der Kleidung.

  2. Ich arbeite mit Kindern und habe auch selbst welche. Die Idee, dass Kinder sich absichtlich schmutzig machen, ist mir nie gekommen. Generell machen (kleine) Kinder nichts absichtlich oder sind so berechnend. Weder wird die Kleidung beschmutz, noch wird der Schlaf nachts absichtlich unterbrochen, das Kind schläft nicht schlecht ein um uns zu ärgern …
    Kinder sind Entdecker und möchten mit allen Sinnen die Welt wahrnehmen.
    Dieser ganze Hygiene-Hype ist fürchterlich und schadet den Kindern eher.

    Und wenn sich jeder Erwachsene daran zurückerinnert, wie wir als Kinder juchzend in Matschpfützen gesprungen sind, dann kommt man auch nicht auf so komische Gedanken.

    1. Hallo Anneke,

      so aus der Luft gegriffen ist das leider nicht. Mein Mann arbeitet als Kitaleiter und erlebt leider immer wieder Eltern, die ihren Kindergartenkindern Hausarrest übers Wochenende verpassen, weil sie sich im Kindergarten (!) beim Spielen schmutzig gemacht haben.
      Den Hygiene-Hype verstehe ich auch nicht. Und dennoch ist er immer weiter im Vormarsch. 🙁

  3. Lisa Marie says:

    Meine Schwiegermutter schenkt uns immer teure (extravagante) Baby Kleider. Meine kleine ist 1 1/2 und sie mag keine Kleidchen und schleife. Sie liebt es rum zu rennen und alles zu enddecken. Meine SM ist dann entweder sauer weil „ihre“ Klamotten dreckig werden oder ich sie meiner kleinen garnicht erst anziehe ??

    1. Hallo Lisa Marie,
      danke für deinen Kommentar. 🙂 Das Problem kenne ich auch. Aber ich finde, du machst das ganz richtig. Außerdem weiß so ein kleines Mäuschen doch gar nicht, was der Schnickschnack gekostet hat.

      Herzliche Grüße

  4. Ich muss zugeben, mich wundert oft, was Leute denken, wie Kinder denken. „Absichtlich schmutzig machen, damit die Eltern sich ärgern“? Häh? Gleichzeitig hört man aber manche Leute mit absolut nicht kindgerechten Themen, die aber sagen „das Kind versteht es doch sowieso nicht!“ (doch, tut es. Ich erinner mich mit Grauen an ein Gespräch über Fehlgeburten in einem Kleidungsladen als Kind, wo meine Mutter versuchte, die anderen zu einem Themenwechsel zu bringen). Bei uns gibt es keine Kleidung „für gut“ oder „für Alltag“. Die Kinder haben nur schöne Sachen, die eben teilweise auch teuer waren. Da wir eine Waschmaschine haben, dürfen sie sich im Normalfall auch dreckig machen (Ausnahmen sind sowas wie der Weg zu einer Hochzeit oder sowas, da muss man nicht ins Matschbecken steigen). Das Kindermuseum in Dortmund hatte einen guten Spruch „nur bitte nichts MIT ABSICHT kaputt machen“. Also sowas wie „ich schneide Löcher mit der Schere in mein Shirt“ oder „ich male mit Filzstift meine Hose/Wände/Möbel an“, DAS ärgert mich. Wenn sie sich aber beim Malen auch mal selbst treffen, was solls? Geht halt entweder raus oder nicht. Oder wenn ein Kind mit der Jacke irgendwo hängen bleibt, tja, passiert. Umgekehrt höre und hörte ich ab Spielkurs, dass man seine Kinder „für andere stylt“ (nein, meine Kinder tragen Zuhause und woanders die gleichen Sachen) oder eben, dass sich „Kinder in teurer Kleidung nicht dreckig machen dürfen“. Nö. Wie gesagt, wir haben eine Waschmaschine. Ich kaufe bewusst möglichst oft Bio-Kleidung, die fair gefertigt ist. Außerdem näht die Oma viel. Kleidung soll den Kindern gefallen, bequem sein und ich versuche Kinderarbeit zu meiden und natürlich kaufe ich auch Second Hand, wenn uns was gefällt.
    Ganz seltsam fand ich mal auf einer Hochzeit, wo mein Sohn mit dem anderen anwesenden Kind (damals hatten nur wenige Kinder) im Trausaal hinten auf dem Parkett mit Autos spielte. Wohlgemerkt DRINNEN auf dem Boden sitzend und ein fremdes Kind mitspielen wollte und die Mutter es weg riss mit „nicht auf dem Boden spielen, Du machst Dich dreckig!“. Ich hätte ihn vor der Feier und den Fotos jetzt nicht in die Matsche gelassen, aber wir waren in einem durchaus sauber wirkenden Raum und der Sektempfang war für die Kinder langweilig. Da lag nicht mal Staub auf dem Boden. Das andere Kind musste also auf einem Stuhl sitzen und den anderen zusehen, das war ein Moment, wo ich irritiert war.
    Als wir uns mal spontan auf dem Wasserspielplatz verabredet haben in einer anderen Stadt, habe ich übrigens spontan noch eine Hose und ein Shirt gekauft, weil mir klar war, dass ich entweder meinem Kind jeglichen Spaß verbieten muss oder ein massives Problem habe, wenn ich das von Kopf bis Fuß bematschte Kind ins Auto setzen will. (tja, ich hätte auch besser vorher Planen können).
    Gleichzeitig versuche ich aber meinen Kindern eine gewisse Wertschätzung bei zu bringen (die Großen sind 6 und 9), dass Kleidung Geld kostet und dass man sie weiter geben kann und sie eben nicht mutwillig kaputt macht. Stürze oder Kleckern oder sowas dürfen natürlich passieren. Durch die Schule und Kinder, die eben nicht alles haben, wird es ihnen aber ohnehin bewusst, nur auf traurigere Art, wenn auffällt, dass eben nicht jedes Kind eine warme Winterjacke hat oder Winterstiefel, die die Füße trocken und warm halten. Daher sehe ich es auch als Frage des Alters, inwieweit Wertschätzung von Sachen überhaupt Thema ist. Vom 3-Jährigen erwarte ich da gar nichts. Kleidung ist Kleidung.

    1. Manuel Stoll says:

      Deine Einstellung mag ich. Und ich glaube, die meisten Kinder machen höchstens einmal etwas mit Absicht kaputt, um etwas Neues zu schaffen. Spätestens bei der Reaktion der Eltern merken sie, dass das nicht so toll war.

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