Wie bei Hempels // Der Schein auf Social Media
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Wie bei Hempels // Weg mit dem Druck vom Schein auf Social Media

Wie oft ich mich in der letzten Zeit selbst sagen hörte „Wenn du mich besuchst, musst du aber damit leben, dass es hier aussieht wie sau!“ und im gleichen Augenblick mit Telefon am Kopf schon nebenher aufgeräumt und geputzt habe, um den Schein zu wahren. Nein, eigentlich nicht nur die letzte Zeit. Eigentlich schon immer. Und auch, wenn ich bei Freunden bin, höre ich oft genug „Lass die Schuhe an, ich bin nicht zum Wischen gekommen.“ , obwohl es aussieht, wie bei einem Ikea-Katalog.

Auch auf Instagram sehe ich es ganz oft. Es liegen drei Spielzeuge auf dem Boden und die Eltern schreiben etwas von Chaos. Auf den präsentierten Küchentheken stehen nicht einmal Gläser, denn die könnten Wasserflecken hinterlassen und auch sonst ist alles, was dort als chaotisch verkauft wird, bei uns Grundzustand. Überall wird nach Minimalismus und Marie Kondo geschrien, die Räume sind steril weiß und Staubkörnchen werden vergeblich gesucht.

Aber was steckt dahinter?

Was wollen wir eigentlich verbergen? Dass Kinder – und auch wir Erwachsene – Dreck machen? Dass man manchmal einfach keinen Bock hat, den Staubsauger zum dritten Mal innerhalb weniger Stunden durchs Haus zu ziehen? Oder dass man es manchmal zeitlich auch einfach nicht gebacken bekommt, die Marmeladenreste zwischen Frühstück und Haus verlassen vom Tisch zu kratzen? Wem hilft es, wenn wir uns selbst und andere anlügen und versuchen, den Schein auf Social Media und auch privat so aufrecht zu erhalten? Eigentlich niemandem oder?

Unser Garten ist zum Spielen da

Soll ich vom Garten anfangen? Na, ich mach einfach mal. Während unsere Nachbarn alle englische Rasen haben, kein Blümchen wächst und mindestens 3x die Woche gemäht wird, herrscht hier wildes Treiben. Wir haben einen Buddelhügel, der aus Erde besteht, weil unsere Lichtböschung seit einem Jahr (oder eher 5, also seit wir eingezogen sind) auf Eis liegt, aber schon frei gebuddelt wurde. Über die Wiese verteilt liegen Kinderschaufeln, Straßenkreiden und der Weihnachtsbaum, der im März mit den Grüngutabfällen abgeholt werden sollte. Die Terrasse … Nun ja, wie sieht eine Terrasse wohl aus, wenn Kinder vom angetauten Rasen über die Terrasse zum Spielhaus laufen? Einmal die Woche räumen die Kinder draußen auf. Dieser Zustand hält etwa 2,3 Minuten an, bevor das erste Fahrgeschäft wieder quer in der Einfahrt steht und mit Stöcken eine Höhle gebaut wird.

Ich finde es toll. Ich mag es, dass die Kinder sich dreckig machen und dort frei spielen dürfen. Dass sie mit den Händen fühlen und ihre Umwelt bewusst wahrnehmen können. Sicher ärgert es mich, wenn ich die Terrasse gerade frisch gefegt und meine Gartenstühle hingestellt habe und ein Mäuschen kommt mit Matschschuhen und Händen an und alles ist zunichte gemacht. Aber hey, es sind Kinder, es ist draußen und niemand stirbt daran.

Der Druck vom Schein auf Social Media ist groß. Zeit, diesem Druck den Kampf anzusagen und zu zeigen, so leben Familien wirklich. Ohne Scham.

Der Druck vom Schein auf Social Media ist groß. Zeit, diesem Druck den Kampf anzusagen und zu zeigen, so leben Familien wirklich. Ohne Scham.

Kriminalbeamte hätten hier einiges zu entdecken

Und dann unser Häuschen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemals alle Fensterscheiben gleichzeitig sauber waren. Nicht, dass es an meinem Ehrgeiz gescheitert wäre. Nein. Da sind kleine Patschehände, die sich zu Fernrohren formen, an die Scheibe pressen und mitsamt der Nase Einsicht ins Wohnzimmer verlangen. Warum? Man könnte sich ja so das Klingeln sparen. Außerdem werden Türrahmen zum Aufdrücken der Türen überbewertet. Das macht man über die Scheibe. Ich habe ziemlich lange ständig nachgeputzt – aber irgendwann wurde es mir zu doof und nun kann jeder Kriminalbeamte von 4 Kindern Fingerabdrücke für Einbruchspuren sicherstellen. Warum auch nicht? Die leben eben hier.

Solange ich also nicht denke, es ist verdammt nebelig – bis ich die Fenster öffne – sehe ich keinen großen Handlungsbedarf. Kämpfen gegen Windmühlen macht aber auch keinen Spaß und frustet auf Dauer nur.

Auch drinnen geht es munter weiter

Hier drinnen im Großfamilienhaus… Ja, ich sauge täglich. Zum Teil mehrmals. Auch gehe ich morgens, wenn alle außer Haus sind, erst einmal die Toiletten und Waschbecken durch. Und ich quäle mich in regelmäßigen Abständen durch die Wäsche. Aktuell lauern 4 Wäschekörbe auf mich. Und ICH WILL NICHT. Ich mag einfach nicht. Manchmal lasse ich die Kinder ihre Unterwäsche einfach direkt aus den Wäschekörben ziehen, damit sie sie so in ihre Schubladen stopfen. Sockenmemory wird einmal die Woche einvernehmlich auf dem Boden gemacht und ich hoffe, damit zumindest die nächsten 7 Tage abzudecken.

Aber der Rest? Die Glastür zum Wohnzimmer, damit der Gang hell ist, war eine absolute Fehlentscheidung. Man sieht alles. Wirklich alles. Also nicht im Gang, sondern Fingerabdrücke, die Zungen- und Markierspiele unseres Katers, Spritzer vom Wischwasser. ALLES. Im Gang ist zwar gesaugt, doch die Schuhabdrücke der Kinder vom Vortag, die mir ganz wichtig etwas zeigen wollten, sind noch immer da. Das heißt, es wird demnächst Zeit wieder „Schlittschuh“ gefahren: Die Kinder stellen sich auf Feuchttücher oder Waschlappen und rutschen damit über die Fliesen, bis die sauber sind.

Und von den Kinderzimmern fange ich lieber erst gar nicht an. Einmal die Woche fegt ein Wirbelwind dort durch und alles ist für etwa 30 Minuten an seinem Platz. Immerhin. Das einzige, was mir dabei wichtig ist: Im Zimmer ist Essverbot und Müll kommt direkt in die Mülleimer. Sonst könnten wir irgendwann Kakerlakak mit echten Tieren spielen. Ähm …. Nee!

Der Druck vom Schein auf Social Media ist groß. Zeit, diesem Druck den Kampf anzusagen und zu zeigen, so leben Familien wirklich. Ohne Scham.

Warum ich das alles erzähle und mich so nackig mache?

Ganz ehrlich, ich habe die Nase davon voll, mich vom Sein und Schein auf Social Media unter Druck setzen zu lassen. Und ich finde es so unheimlich wichtig, dass auch du siehst: Es muss nicht wie im Möbelhaus aussehen. Man lebt in seinen eigenen vier Wänden und ist da nicht nur zu Besuch. Der Druck, der sich durch solche Scheinwelten aufbaut, vermittelt ein völlig falsches Bild vom echten Familienleben. Denn da bleibt dann einfach mal der Frühstücksteller auf dem Tisch stehen. Da stehen die Kinder eben mal mit Kleidung, die allein standhaft wäre, plötzlich in der Küche, weil sie die gefangene Ameise zeigen wollen. Und da hat man einfach auch mal keinen Bock, die Türrahmen öfter als 1x im Monat zu wischen, weil man weiß, auf dem weißen Zeug sieht man die Fingerabdrücke eh binnen 24 Stunden wieder.

Hier leben 6, bald 7, Menschen. Keine Maschinen, keine Roboter, keine Sauberkeitsfanatiker. Menschen, die lieber draußen im Sandkasten sitzen, statt die Grashalme mit der Nagelschere zu kürzen. Menschen, die nach der Arbeit und Schule lieber einfach mit Straßenkreiden „Kästchen hüpfen“ auf die Hofeinfahrt malen, statt das Auto wegen zwei Kekskrümeln steril zu saugen. Ja, einfach nur Menschen, die auch mal 5e gerade sein lassen und die gemeinsame Zeit genießen. Ohne den Putzwedel in der Hand und den Putzplan im Hinterkopf. Menschen, die sich manchmal fragen, welche Bombe hier wieder eingeschlagen hat, nachdem die Kinder ihnen stolz die neuesten Burgen aus Decken und Kissen zeigen möchten.

Dieses falsche Bild vom perfekten, sauberen und sterilen Familienleben.

Möchte man wirklich lieber in einem Ikea-Katalog sitzen? Oder ist es dann doch schöner, wenn man mit den Kindern Sandburgen baut, gemeinsam am Esstisch malt, spitzt und nebenbei Kaffee trinkt? Sind Wasserflecken auf der Küchentheke wirklich ein Thema, worüber man sich Gedanken machen sollte? Oder Schuhe, dessen Farbe man unter Matsch nicht mehr erkennen kann, weil das Kind im Wald einfach mal gucken wollte, wie tief die Pfütze ist?

Ja, Sauberkeit ist wichtig. Ich möchte nicht von schmutzigen Tellern essen, am Boden festkleben oder auf Toiletten mit Bremsstreifen gehen. Das ist Fakt. Fakt ist aber auch, wenn mein Kind erzählt, es hat gaaanz sicher die Klobürste verwendet, kann es dennoch sein, dass ich beim nächsten Gang ins Klo genau das nicht feststellen kann.

Ich möchte mich auch nicht mehr dafür rechtfertigen wollen, warum da eben 3 Jacken, 4 Paar Schuhe und Heu im Eingang liegen. Das passiert und es sieht auch nicht immer so aus. Punkt. Und ja, nach dem Frühstück könnte man bei uns vom Boden essen, man fände immer was.

Aber Ordnung und Sauberkeit hängen eben auch von der Menge der Menschen und der Zeit ab, die man dafür aufbringen kann, um hinterherzuräumen, zu putzen und den Kampf gegen Windmühlen anzutreten.

Wie bei Hempels

Wenn du also das nächste Mal bei einer Familie auf Besuch kommst, denk dir nicht „Hier schaut es ja wüst aus!“ sondern eher „Oh schön, man sieht, dass hier gelebt und geliebt wird!„, wenn du über Spielzeuge steigst, im Waschbecken noch die Hälfte der Sahara vorfindest oder anhand der Schuhabdrücke erkennst, welchen Weg die Kinder durch Haus und Garten genommen haben.

Und wenn du selbst Besuch empfängst, schäme dich nicht für benutzte Tassen in der Spüle oder Wäscheberge. Bei anderen sieht es keinen Deut besser aus. Nur sind die noch nicht so ehrlich zu sich, da bin ich mir sicher.

Die Julie

Der Druck vom Schein auf Social Media ist groß. Zeit, diesem Druck den Kampf anzusagen und zu zeigen, so leben Familien wirklich. Ohne Scham.

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9 Comments

  1. Wahre Worte und du hast so Recht. Als wir noch allein waren, sah es bei uns sehr ordentlich aus. Nun mit Zwillingen im Haus, liegt immer etwas rum. Und ich habe es aufgegeben, immer hinter her zu räumen. Also sieh es nicht so eng, ist bei uns allen so. LG Romy

    1. Zwillinge sind aber auch eine sehr große Aufgabe. Du hast meinen größten Respekt!

  2. Toller Artikel 👍🏻
    Danke dafür.
    Lg Bini

  3. Martina says:

    Und wie recht du hast. Ich erinnere mich gerade, dass mir eine Freundin erzählt hat, dass sie Besuch hatten und der Gastsohn die Regale inspiziert hatte un meinte „hiet ist es aber schmutzig“. Wie unhöflich. Das hat meine Freundin echt fertig gemacht. Sie hat eine verd* 150m2 Wohnung und ein Baby! Übrigens waren wir zwei Tage später dort – natürlich hat sie nicht staubgewischt, und ich hätte es nicht mal gemerkt…

    1. Oh, da wäre ich aber ziemlich stinkig gewesen. Mit fällt auf, je kleiner die Wohnung war, desto leichter fiel es mir auch, alles wirklich picobello sauber zu halten. So verteilt sich einfach alles leichter.

  4. Prima Post. Wenn ich da an unser Haus denke. Und dann noch halbtags tätig. Da höre ich oft, Du hast doch Zeit und ich habe oft das Gefühl mich dafür rechtfertigen zu müssen. Bei uns sind es die Bäder (die schon am selben Tag wieder aussehen, Fußball, Pferd sind Hobbies…) und die nicht endenen Wäscheberge.

    1. Von der Wäsche kann ich auch ein Lied singen … Klar hätte man die Zeit. Aber dann bleibt eben was anderes auf der Strecke. Qualitiytime mit den Kindern oder auch einfach Papierkram oder oder … Solange man sich zuhause wohl fühlt und ein Grundmaß an Hygiene herrscht, ist doch alles tutti 🙂

  5. Ich dachte an Deinen Post. Wir machen gerade Tiersitting bei einer befreundeten Familie. Ich dachte immer, 4 Kinder, 1 Hund und Nager – und es sieht immer ordentlich und sauber aus, wie schafft sie das?
    Jetzt weiß ich, dass es dort auch nicht besser ist als bei uns 🙂

    1. Wenn man nicht ständig dahinter ist (und mit wachsender Kinderzahl und damit wachsenden kleinen Schmutzbomben 😀 ), funktioniert es auch nie und nimmer, alles ordentlich zu halten. Und manchmal sind andere Dinge einfach wichtiger oder drängen sich so in den Vordergrund, dass der Haushalt einfach hintenan steht.

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