Kinder brauchen Eltern, die echt sind und keine Maschinen, die pädagogisch handeln.
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Immer schön pädagogisch handeln – oder doch nicht?

In letzter Zeit fällt mir eines immer mehr auf: Expert*Innen im Bereich Pädagogik zerpflücken jedes Thema, zeigen auf, was in ihren Augen abwertend, falsch und sowieso absolut unpädagogisch ist. Man solle doch bitte immer pädagogisch handeln, nie die Stimme erheben, bloß nicht mit Sarkasmus arbeiten und immer Verständnis aufzeigen. Nie soll die Sprache entgleiten, blanke Nerven bitte mit wertvollen Gesprächen auf Empathie-Ebene erläutern.

Ehrlich, es nervt mich tierisch an. Aus jedem kleinen Fitzelchen Alltag wird eine Wissenschaft gemacht. Alles wird genau analysiert und aufklamüsert. Mit selbstgefälligem „ich erzähle ja nur, wie es bei uns zuhause abläuft“ wird allen suggeriert, dass sie nicht liebevoll genug sind.

Man bekommt das Gefühl, man müsse alles optimieren, pädagogisch aufbereiten, sich selbst zerpflücken. Normales Handeln – menschliches Handeln – ist einfach nicht gern gesehen. Im Prinzip machen wir alles falsch. 

Da gehen Expert*Innen mit erhobenem Zeigefinger durch Twitter und Instagram und erklären, wie du und ich unsere Kinder zu erziehen haben. Sie erklären uns, dass – egal wie richtig man es macht – man noch immer eine Schippe drauflegen kann. Denn gut ist einfach nicht gut genug. 

Taschengeld ist respektlos dem Kind gegenüber und vermittle „Mein Geld ist mir zu schade, es für deine Bedürfnisse auszugeben!“. Jegliches Verhalten, das uns zur Weißglut treibt, müsse eben ausgehalten und bis zum Erbrechen ausdiskutiert werden, bis das Kind irgendwann Jahre später Einsicht zeigt. Man muss Kindern immer auf Augenhöhe begegnen und eine Zahn-OP in Vollnarkose ist dann ja doch noch immer besser als wenn man das Kind zum Zähneputzen nötige. Da wird sogar von Vergewaltigung gesprochen.

Soll ich dir was sagen?

Familienleben ist das ständige Abwägen von Grenzen. Meinen Grenzen, die meines Mannes und die der Kinder. Familienleben ist mehr als pädagogisches „So sollte es ein!“, sondern echt, emotional und manchmal auch verletzend – in alle Richtungen.

Oft bekommt man das Gefühl, man muss als Elter dem Kind alles recht machen, denn Konflikte sind schädlich. Ehrlich? So ein Bullshit. Konflikte gehören ebenso zum Alltag mit Kindern wie Fingerabdrücke an Glasscheiben. Konfliktvermeidung führt nur dazu, dass die Kinder keinerlei Kritikfähigkeit, keinerlei Streitkultur und ein absolut verfälschtes Bild vom Miteinander erfahren.

Neulich bei uns:

Ich habe nach einer wirklich schlechten Nacht mehrmals über den Tag immer wieder und mit zunehmend mehr Nachdruck darum gebeten, einfach nur 10 Minuten Ruhe zu haben. 10 Minuten ohne „MAMAAAA“ oder Streitschlichterjob. Verdammte 10 Minuten. Diese Zeit hatte ich nicht einmal auf dem Klo, denn da wurde durch die geschlossene Klotüre mit mir diskutiert. Die Nerven waren von morgens an schon sehr dünn.

Abends wurde ich dann laut. Laut und emotional. Ich habe alle Kinder kurzerhand ziemlich schroff in ihre Zimmer geschickt – inklusive Baby -, weil es mir einfach zuviel wurde. So viel zuviel, dass ich wusste, ich werde nur noch gemein und böse, wenn ich noch ein  „MAMAAAA“ hören muss. Und im Anschluss saß ich heulend da. Weil ich wütend war auf die Kinder, die meine Grenzen so gar nicht respektiert hatten und auf mich, weil ich nicht schon eher am Tag die Reißleine gezogen habe. 

Meine Kinder wussten sofort, als diese Tonlage kam, dass jetzt aber wirklich endgültig Schicht im Schacht ist und gingen leise nach oben. 

Nachdem ich mich wieder beruhigt und einige Zeit einfach nur zum Durchatmen verbraucht hatte, ging ich zu meinen Kindern, entschuldigte mich für meinen Ausbruch und fragte sie, ob sie verstehen, warum ich so wütend war. Ich erklärte aber auch altersgerecht, was ich mir in Zukunft von ihnen wünsche und dass ich versuche, demnächst eher einzuschreiten, wenn ich merke, es wird zuviel.

Kinder müssen merken, dass wir echt und authentisch sind. Sie fühlen stark, wenn wir uns anders verhalten, weil Ratgeber und Experten es uns vorschreiben.

Streit gehört dazu, das „Wie“ ist wichtig.

Kein Mensch ist perfekt. Das ist ein Punkt, den man nicht oft genug sagen kann, wenn ich mitbekomme, wie Eltern sich selbst geißeln, weil ihr Verhalten in Erziehungsratgeber XYZ als Total-KO propagiert wird. Oft wird nur eine Idealversion vorgeführt oder die Expert*Innen sehen das Ganze selbst ein wenig verklärt, thronen auf ihrem Podest und wie die rote Königin, die nicht einmal schlechte Absichten hat.

Doch mal ehrlich, wo bleibt der Mensch, wenn wir alle nur noch pädagogisch handeln? Woher lernen unsere Kinder, wann wir Eltern echt und authentisch sind? Wenn wir immer überlegt, sachlich und nach Lehrbuch handeln, uns verstellen?

Ich gehe hier nicht von körperlicher und verbaler Gewalt aus. Das ist ein völlig anderes Thema und geht gar nicht.

Doch Kinder dürfen erfahren, wo sie Grenzen überschritten haben. Solche Dinge möchte ich auch nicht bis ins kleinste Detail ausdiskutieren, sondern verleihe diesem, wenn es im ruhigen Ton nicht geht, irgendwann eben auch mit Schärfe Nachdruck. Wichtig hierbei ist die Kommunikation. 

Statt „Mensch bist du bescheuert!“ sage ich dann eben „Dein Verhalten gerade ist total daneben/verletzend/unfair!“

Ich kritisiere also das Verhalten und nicht mein Kind selbst als Ganzes. Und ich muss hierbei auch kein „Ich hab dich lieb, aber ….“ davor schieben. Meine Kinder wissen, dass ich sie liebe. Immer. Auch wenn nicht immer rosa Glitzer aus meinem Hintern kommt und es ab und an lauter und hitziger wird.

Wir lieben unsere Kinder nicht weniger, wenn wir mit ihnen streiten. Und sie lieben uns nicht weniger. Wir wachsen beide daran. 

Auch können einfach nicht alle Dinge auf Augenhöhe besprochen werden – so viel Verantwortung erdrückt Kinder.

Es ist ja schön, dass Kai-Uwe nicht Zähne putzen möchte. Aber ihm wird mit seinen 3 Jahren eben aufgebürdet, dass er die Reichweite überblicken kann, was Karies, Schmerzen und Folgeschäden angeht. Es muss niemand dem Kind den Mund aufknebeln, aber man kann Kindern von Anfang an vermitteln, wie wichtig es ist und spielerisch die Zähne säubern.

Ganz toll ist es auch, dass Klara-Kleopatra komplett selbst entscheiden darf, wann und ob sie Hausaufgaben macht oder wie sie sich in der Schule benimmt und die Eltern nur beratend zur Seite stehen. Dass sie dadurch aber mit ihren frischen 6 Jahren vielleicht ordentlich auf die Nase fällt, weil dieses Verhalten dazu führt, dass sie unter Umständen ausgeschlossen wird oder die Klasse wiederholen muss und dadurch aus ihrer Peergroup gerissen wird, versteht sie doch gar nicht. 

Oder anders: Es tat mir richtig weh, als die Große sich weigern wollte, das MRT wegen ihrer Skoliose zu machen. Die Diagnose war schlimmer als dieses „es ziept halt im Rücken“. Da musste ich als verantwortungsbewusste Mama auch dran bleiben, sie in die richtige Richtung „schupsen“ und sie begleiten. 

Manchmal ist der Elternjob einfach mehr als alle Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen und umsetzen. Manchmal ist er einfach scheiße und wir sind für eine Weile die Bösewichte schlechthin. Und manchmal funktioniert dieser intrinsische Antrieb und die Selbstregulation und Reflexion bei Kindern eben wie bei uns Erwachsenen null. 

Angst vor Auseinanderetzungen führt dazu, dass Kinder keine Konfliktfähigkeit erlernen. Dabei profitieren wir Eltern und Kinder davon, wenn wir streiten, diskutieren und uns wieder vertragen. Eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung kann ein Gewitter ab.

Ich arbeite hier übrigens auch mit der ach so verpönten Bestechung und Belohnung. Und ich lobe meine Kinder auch. Ganz schlimm, wenn man Expert*Innen befragt.

Denn bei 5 Kindern fehlt mir ehrlich die Kraft, immer alles auszudiskutieren – und ich mag auch ehrlich nicht immer für alles ellenlange Begründungen anführen (mal abgesehen davon, dass das je nach Alter und Reife eh nicht verstanden wird). 

Der Zwerg, der zum Halbjahr die Klasse übersprungen hat (hier habe ich darüber berichtet), hing zum Beispiel während der Pandemie und der Schulschließung ordentlich in der Luft. Was ihn dann im Endeffekt dazu bewegte, seine Totalverweigerung an Homeschooling aufzugeben? Schokolade. Für jeden fertigen Aufgabenblock gibt es ein Stückchen. Dieser Anreiz reicht und wir sitzen beide nicht mehr völlig entkräftet gegenüber und der K(r)ampf über Monate hat dadurch ein Ende. Ist es also falsch? Ich glaube nicht.

Für unsere Kinder sind wir wichtige Menschen, Bezugspersonen und keine pädagogischen Maschinen!

Also bitte nieder mit der Heugabel. Denn jede Familie ist individuell zu betrachten und jede Familie händelt Konflikte und Alltagsaufgaben anders.  Es wäre schön, wenn die nächsten Expert*Innenratschläge bestärkend und nicht als allgemeingültig dargestellt würden. Es wäre toll, wenn man Eltern nicht ständig suggerieren würde, nur wer nach Schema F pädagogisch handeln, seine Grenzen überschreiten lassen und seine Emotionen immer unter Kontrolle haben kann, sei würdig, Kinder zu haben.

Eine gefestigte Eltern-Kind-Beziehung kann Gewitter ab. Und Gewitter reinigt auch die Luft.

Zum Abschluss: Auch Expert*Innen kochen nur mit Wasser. Und nur weil sie ideal gelöste Situationen schildern, heißt das nicht, dass es nicht auch bei ihnen daheim eskaliert. Man hört und liest nur seltenst darüber.

Erziehung und Kinder groß bekommen ist nämlich weit mehr als rein pädagogisch handeln. Es ist so viel mehr als immer korrekt den Erklärbär zu spielen und sich die Sonne aus dem Hintern scheinen zu lassen. Und je mehr Menschen sich aneinander reiben, desto mehr Wärme entsteht.

Herzlichst Julie, auf dem Pulverfass reitend

 

Einen Ratgeber ohne erhobenen Zeigefinger zur Wackelzahnpubertät findest du hier. Schau dir gern meine Rezension dazu an.

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3 Comments

  1. Friederike says:

    Danke!

  2. Puh, da hast du dir aber Luft gemacht, was?

    Ich bin da noch oft im Zwiespalt aufgrund meiner Arbeit mit Eltern. Ich habe noch oft das Gefühl, mein Content muss pädagogisch wertvoll sein und darf mir da noch eine Portion Selnstbewusstsein aneignen, um zu sagen: „Nö, ihr müsst vor allem Spaß und eine schöne Zeit zusammen haben“

    Danke schön!

    1. Liebe Ariane,
      danke für deinen Kommentar! Ich habe mir nicht Luft gemacht, sondern wollte möglichst viele (frische und verunsicherte) Eltern darin bestärken, ihren Weg zu gehen und ihnen die Angst vor Erziehung und Konflikten nehmen. Eben, weil man, wenn man noch ganz frisch in der Materie ist, sich leicht aus dem Konzept bringen und beeinflussen lässt.
      Der Punkt ist eben, es gibt nicht nur einen richtigen Weg. Es gibt nicht immer nur die ideale Version, sondern man muss auch viele Kompromisse, Streitgespräche (und manchen faulen Handel) eingehen. Und ab und an schadet auch ein wenig Bequemlichkeit und Pragmatismus nicht.
      Kinder dürfen merken, dass wir Eltern Menschen sind. Menschen mit Grenzen, Schlafmangel, und manchmal einer schnelleren Zunge als der Kopf es erlaubt, keine Roboter. 🙂
      Viele liebe Grüße

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