Dein Alltag ist ihre Kindheit. Ihre Kindheit ist auch dein Alltag. Wieso dieser Satz falsche Erwartungen schürt & relativiert werden muss.
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Dein Alltag ist ihre Kindheit – aber andersrum doch auch?!

Ich las heute früh in Instagram in etwa folgendes: Deine Kinder werden sich nicht an Wäscheberge oder dreckige Fenster erinnern. Aber sie werden sich daran erinnern, wenn du lachend mit ihnen in Pfützen gehüpft bist. Dein Alltag ist ihre Kindheit.

Schön. Wirklich.

Aber das muss man sich auch leisten können. Man muss es sich leisten können. die Wäscheberge, das Geschirr und den dreckigen Fußboden ignorieren zu können. Man muss es sich leisten können, die gesamte Freiheit in die Kinder zu investieren und die lachende Spaßmama (oder der Spaßpapa) sein.

Denn das erfordert Ressourcen, die die wenigsten zur Verfügung haben. Ressourcen, für die man privilegiert sein muss. Wer kann es sich denn leisten, nicht zu putzen, aufzuräumen oder zu waschen? Menschen, die genügend Geld für Reinigungskräfte und Haushaltshilfen haben. Menschen, die keinen vollen Arbeitstag haben und die meiste Zeit wirklich ehrlich aus Freizeit besteht. Und damit meine ich nicht Care Arbeit Zeit, sondern wirklich frei einteilbare und zum Spaß verplempernde Zeit. Wer von den Normalos hat das bitte?

Was ich liegen lasse, stapelt sich

Klar kann ich 5e gerade sein lassen und statt mit den Kleinsten die Wäsche zu sortieren draußen auf dem Spielplatz toben. Natürlich kann ich, statt das dreckige Geschirr in die Spülmaschine zu packen, die tollsten Origamitiere basteln.

Aber wer räumt es denn dann weg? Wer sortiert dann die Wäsche? Wer saugt dann den Dreck vom Boden, damit sich keine Viecher einnisten?

Was liegen bleibt, stapelt sich und fällt am nächsten Tag doppelt an. Klar ist das hier nochmal anders mit 6 Kindern. Da ist einfach alles ein bisschen mehr. Da sind täglich zwei Runden Spülmaschine und Waschmaschine normal. Und das muss auch eingeräumt, ausgeräumt, gefaltet, aufgeräumt werden.

Doch unsere Kinder werden sich sicher daran erinnern, dass sie keine frischen Unterbüxen hatten, weil Mama lieber mit den Kindern im Wald gebadet hat. Sie werden sich daran erinnern, dass sie morgens mit knurrendem Magen zum Bäcker vor der Schule mussten, weil durch Spiel und Spaß keine Zeit für den Einkauf war. Und sie werden sich auch daran erinnern, wenn der Staub zentimeterdicht auf den Regalen liegt – weil sie sich bei ihren Freundschaften im ordentlichen Haus wohler gefühlt haben.

Dein Alltag ist ihre Kindheit – aber ihre Kindheit ist auch dein Alltag!

Für die Kleinsten war es immer toll, mit mir zusammen den Boden zu wischen. Es hat ihnen immer Spaß gemacht, Dinge in die Waschmaschine zu stopfen und im Anschluss den „An-Knopf“ zu drücken. Und auf dem Staubsauger reiten, während die Eltern den Boden saugen, war/ist eines der Lieblingshobbies der Kleinsten.

Ein Wochenende komplett nichts machen bedeutet bei mir am Montag vollkommenes Chaos und Eskalation. Und die Beseitigung der wochenendlichen Spuren zieht sich bis Mittwoch. Dann lieber jeden Tag konstant – denn Konstanten sind auch für Kinder wichtig – und Kinder integrierend geputzt und aufgeräumt, als unregelmäßige Putzparties, weil die Wollmäuse zu laufen beginnen.

Meine schönsten Kindheitserinnerungen sind die, in denen ich mit Oma und Opa in den Wald gehe. Aber auch, wie Oma in ihrer Kittelschürze in der Küche steht und Buchteln formt. Oder wie ich im Fahrradsitz zum Einkauf juble, weil der Opa für mich Schlangenlinien fährt. Alltag eben.

Mehr Entspannung, mehr Lächeln bitte

Ich kann den Ansatz verstehen, dass wir mehr im Hier und Jetzt leben sollen. Ich kann es verstehen, dass darauf aufmerksam gemacht wird, dass wir verbissen irgendwelchen Idealen nachrennen, die einfach utopisch sind. Und ich selbst rede ja auch immer mal wieder davon, dass man 5e gerade sein lassen soll. 

Da geht es aber nicht darum, alles stehen und liegen zu lassen, sondern sich eben einen bequemen Weg für alle (!) zu suchen. Mal den Fernseher nutzen, damit man in Ruhe aufs Klo gehen und die leeren Klorollen entsorgen kann. Mittagessen vor dem Tablet, damit die Tischsituation nicht eskaliert oder Schlafanzugtage am Wochenende, um die Klamottendiskussionen nicht sinnlos Ressourcen kosten zu lassen.

Ressourcenschonend arbeiten eben. Denn auch Kindererziehung und Haushalt ist Arbeit. Care Arbeit, die noch immer gesellschaftlich nicht gewürdigt wird.

Aber dieses „Dein Alltag ist ihre Kindheit“ setzt so massiv unter Druck und vermittelt ein falsches Bild von Kindheit und Elternschaft. Wenn man also nicht immer zugewandt ist, werden die Kinder die schlechten Momente aufsaugen. Aber der Dreck und die Unordnung fallen nicht auf. Wenn man angespannt ist, den Terminplaner voll hat und das Kind sich einfach anpassen muss, weil alle Termine essenziell sind, dann versaut man ihnen die Kindheit. Und wenn sie im Haushalt helfen sollen, weil sonst Land unter ist, statt 24/7 glücklich über den Spielplatz tollen zu können, hat man den Rabenelternpreis verdient.

Das ist ähnlich, wie dieses toxische „Man muss es nur wollen!„. Ja, wollen tue ich viel. Scheitert eben am Alltag und an Realsituationen. Nicht jede*r hat ein Zuckerwatteschloss mit Angestellten, die die unangenehmen Aufgaben übernehmen. Manche kämpfen einfach nur ums Überleben und wollen, dass ihre Kinder am Ende des Tages irgendwie satt und zufrieden einschlafen und verzichten dafür selbst aufs Essen.

Ihre Kindheit ist mein Alltag!

Und natürlich sammeln wir schöne Momente, lesen Bücher, gehen spazieren, schauen auch mal Quatsch im TV an oder essen Pizza auf dem Boden. Natürlich möchte ich, dass meine Kinder glücklich aufwachsen und entspannte Eltern haben.

Aber ich möchte auch, dass meine Kinder von klein auf mitbekommen, dass Brot erst gebacken werden muss, Wäsche sich nicht von allein in den Schrank verirrt und Bremsstreifen im Klo weg geputzt gehören. Ich möchte nicht, dass meine Kinder im Dreck aufwachsen.

Dieses Verherrlichen einer Kindheit, in der man sich nur frei bewegt und keinerlei Verpflichtungen hat, halte ich für unheimlich schädlich. Und das kann auch kaum jemand leisten. Gleichzeitig wird Eltern durch diesen Satz und das vermittelte Bild ein so dermaßen schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie neben der Qualitätszeit mit Kindern Haushaltsdingen nachgehen, die selbstverständlich sein sollten.

Ein Abwägen aller Bedürfnisse ist der Schlüssel. Extreme sind nie gut. Aber ein gesundes Mittelmaß an Ordnung, das man auch mit Kindern gemeinsam halten kann und Qualitätszeit, die liebevoll gestaltet ist, das hat was! Denn meine Bedürfnisse nach sauberer Wäsche und Böden, an denen ich nicht haften bleibe, wiegen genauso schwer, wie der Spieldrang unserer kleinen Leben!

(Mal davon abgesehen: Wie authentisch und zugewandt sind wir, wenn wir genau diese Qualitätszeit filmen und am Smartphone hängen, um anderen zu beweisen, wie toll wir das machen?)

*****

Wie siehst du das? Erzähl doch mal!

Herzlichst, die Julie

 

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Dein Alltag ist ihre Kindheit. Ihre Kindheit ist auch dein Alltag. Wieso dieser Satz falsche Erwartungen schürt & relativiert werden muss.

Bildquelle: Pixabay

7 Kommentare

  • Elisabeth

    Danke für den tollen Text. Das ist tatsächlich etwas, dass mich schon sehr lange stört. für mich müsste der Satz heißen: „Lebe deinen Alltag mit deinen Kindern.“.
    Auf dem Weg zum Einkaufen in alle Pfützen springen, Kinderliedersingen und dabei Wäsche falten oder gemeinsam Kochen. Das dauert länger und ist anstrengend, aber es macht doch auch Spaß. für tolle Kindheitserinnerungen braucht es keine besonderen Ausflüge oder Erlebnisse. Die finden sich eben auch im Alltag, wenn wir Eltern uns die Zeit nehmen, Kinder einzubeziehen statt alles schnell zu erledigen oder outzusourcen, damit wir Zeit für den Freizeitpark haben.

  • Kerstin

    Hallo Julie!
    Ich verstehe den Spruch für mich immer wortwörtlich, um mich daran zu erinnern , dass mein Alltag eben ihre Kindheit ist. Also eher so, dass die -oft lästigen, sich immer wiederholenden-Tätigkeiten und Rituale , die ich häufig einfach nur abhaken möchte , vermutlich teilweise das sein werden , was für sie später den Begriff „Zuhause“ ausmacht : der Geruch des bestimmten Waschmittels , das Lieblingsessen , die Erinnerung an 1. Male (zb alleine zum Bäcker )etc.
    Für mich also nicht der Druck Besonderes leisten zu müssen , sondern eher die Erleichterung das Alltag reicht. Vielleicht eine völlig falsche Interpretation, aber ich mag sie. LG Kerstin

  • Marion

    Stimme dir völlig zu. Mal ganz abgesehen davon macht es die Kinder doch auch stolz, wenn sie helfen dürfen.
    Und das ist doch auch gemeinsam verbrachte Zeit, wenn man zusammen Gemüse schnippelt, Socken sortiert etc – je nach Alter eben. LG, Marion

  • Lara

    Liebe Julie,

    Chapeau! Das ist mein bisheriger Lieblingstext von dir geworden, der mich echt zum Lachen gebracht hat und mir als Erstlingsmama echt aus der Seele spricht und echt entspannt 💪🏻😊 Danke dir! Fühle mich jetzt direkt motiviert, noch ein bisschen aufzuräumen, um morgen dann fröhlich in den Tag mit der kleinen Lady zu starten 😊🎊

    Liebe Grüße!

    Lara

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Geht in Ordnung.