toxic positivity - toxische Positivität: Warum sie gar nicht gesund ist und was wir stattdessen tun sollten, erzähle ich hier.
Gedankenwelt,  Life

Toxic Positivity – manchmal ist eben alles scheiße

Hat sie da tatsächlich dieses schlimme Sch*-Wort in den Titel gepackt? Hat sie! Denn mir geht diese Bewegung, dass einem immer Sonne aus dem Allerwertesten scheint und alles einen positiven Grund hat, mittlerweile einfach nur auf die Eierstöcke. So sehr, dass ich mir über Toxic Positivity Luft machen möchte. Das hier wird also ein Rant. Wenn du nicht weißt, was ein Rant ist: hier eine Definition:

speak or shout at length in an angry, impassioned way.
„she was still ranting on about the unfairness of it all“
 
Ich bin selbst ein Mensch, der aus vielen Dingen positive Schlüsse zieht. Oft ist das möglich, manchmal ist es auch eine Schutzreaktion, um Erlebtes leichter zu verarbeiten. Aber man kann nicht alles gut finden. Scheiße mit Gold ummantelt bleibt Scheiße. Daran ist nichts zu rütteln. Und ja, meine Wortwahl ist diesmal drastisch. Aber es geht mir auch gegen den Strich.
Toxic Positivity auf Instagram und Co.

Gerade auf Instagram ist diese gezwungene Positivität wirklich erschlagend. Da sprießen Accounts aus dem Boden, die binnen Tagen zu 4-5-stelligen Followerzahlen kommen und erzählen, man müsse nur wollen und die Sonne aus dem Hintern strahlen lassen und alles würde gut. Das ist nicht nur nicht authentisch, sondern einfach fake und realitätsverweigernd.

Was diese Accounts aber allesamt außen vor lassen: Wenn man anderen vermittelt, dass man nur gute Gefühle zulassen soll, fühlen sich diese anderen ziemlich falsch, wenn sie dennoch Wut, Trauer oder Verzweiflung fühlen. Denn diese Gefühle haben, wenn man überall was Gutes draus zieht, eben keinen Raum und sind fehl am Platz. Ich muss also falsch sein, wenn ich zulasse, dass Zweifel Raum einnehmen. Und das ist Bullshit.

Zum Teil kann man Coachings für Unsummen an Geld buchen, nur um zu lernen, wie man die Realität verleugnet und sich und anderen einredet, dass alles gut ist oder werden wird. Man muss es ja nur wollen.

Das wird schon wieder – Andere trifft es viel schlimmer – und andere leere Phrasen

Ein wenig klingt das, als schöbe man die Verantwortung einfach ab. Als sei man nicht berechtigt, wütend, traurig oder niedergeschlagen zu sein. 

Gerade, wenn man psychische oder physische Leiden hat, sind solche leeren Sätze wie ein Schlag in die Magengrube. Klar gibt es immer jemanden, den es schlimmer trifft. Das hilft aber in der jeweiligen Situation absolut nicht weiter und schürt nur Frustration und Wut. Und was es noch macht: man zieht sich zurück, weil es sich nicht lohnt, sich solchen Phrasenschwinger*innen anzuvertrauen.

Stell dir das mal in einem Fallbeispiel vor: Ich hatte vor 3,5 Jahren eine Fehlgeburt, die mir den Boden unter den Füßen weggerissen hat. Wie hämisch und kalt klingt da bitte ein „Sei froh, dass es jetzt passiert ist und nicht erst in zwei Wochen!“ oder ein „Ach, das wird schon wieder.„?! Merkst du selbst oder?

Jedes Gefühl hat seine Daseinsberechtigung

Optimismus ist gut. Er erleichtert es, viele schwere Lebenslagen und Situationen besser zu meistern. Er ist quasi der Strohhalm, an den man sich klammern kann, wenn man droht, in einem Strudel zu versinken (bildlich gesprochen). Erzwungener Optimismus wird eben toxisch.

Doch auch andere Gefühle haben ihre Berechtigung und wir bringen kleinen Kindern schon bei, dass sie auch mit negativen Gefühlen und Erfahrungen umgehen und diese aushalten lernen sollen (wie bei Susanne Mierau). Wir haben ein Recht auf Gefühle, egal wie alt und erwachsen wir sind.

Wenn Emotionen abgesprochen werden und der Umgang damit nicht erlernt oder verlernt wird, wird es schwer, irgendwann zu erkennen, was wirklich gut ist. 

Und manchmal reicht die Sonne aus dem Hintern auch einfach nicht, die Situation zu ändern. Da spielen so viele andere Faktoren mit rein. Aber hey, dann strengt man sich nur nicht genug an oder? Selbst schuld oder? So ein Blödsinn.

Um sich weiterzuentwickeln, muss man mit Rückschlägern umgehen können

Wir lernen nicht dazu, wenn immer alles nur glatt läuft. Wir lernen durch scheitern und erneuten Versuch. Dadurch verbessern wir uns und das Scheitern bleibt im Hinterkopf für neue Situationen, um die selben Fehler nicht noch einmal zu begehen. Das ist zwar ein wenig unbequem, prägt aber nachhaltiger.

Bei Verfechter*innen der toxischen Positivität gibt es kein Scheitern. Diese Menschen lügen sich selbst ins Gesicht und verweigern die Realität, denn es läuft nie alles glatt und man darf  sich auch ein Scheitern eingestehen. Das zeugt von mehr Größe, als dies zu verschleiern. Da wären wir wieder beim Erlernen vom Aushalten aller Gefühle.

Was statt toxischer Positivität hilft: Empathie

Das klingt fast zu einfach oder? Aber genau das hilft und verbindet. Ein „Deine Situation ist gerade echt total kacke. Kann ich dir irgendwie unter die Arme greifen?“ wirkt weit mehr unterstützend als ein „Das wird schon wieder. Andere haben es schlechter als du!„. Damit nimmst du dein Gegenüber ernst und wertest seine Gefühlslage oder Situation nicht ab.

Jede Art von Gefühl hat seine Daseinsberechtigung. Sie anderen zuzugestehen und daraus eventuell etwas Positives abzuleiten ohne Zwang, sondern weil man den Lichtblick wirklich sieht – darin liegt die Kunst. Nicht im Verleugnen, verharmlosen und Verantwortung abschieben.

Herzlichst, die Julie

 

Bildquelle: Pexels

2 Kommentare

  • Petra

    Kann ich voll unterstreichen. Gerade das Aushalten von negativen Gefühlen find ich wichtig. Erkennen, dass was schlecht ist oder sich schlecht anfühlt und trotzdem weitermachen. Wenn man immer denkt, alles muss sich gut anfühlen, dann fällt man bloß in ein Loch, wenn es nicht klappt.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Geht in Ordnung.