In Zukunft werde ich vielleicht sogar Zeit einfordern, Langeweile zulassen und Dinge liegen lassen, nur um mir selbst etwas zu gönnen. Ohne im Kopf die Liste an Dingen zu erweitern, die erledigt werden "müssen", ohne schlechtes Gewissen. Dafür mit dem Wissen, dass es gut tut, sich auch mal nur um sich selbst kümmern zu dürfen und zu können. 
Gedankenwelt, Life

Ich habe einfach nichts getan // Langeweile zulassen

Am Wochenende hatte ich so viel vor. Das Haus hat einige Baustellen, die gemacht werden müssen, das Obst sollte verarbeitet werden, die Kinder haben endlich Sommerferien und nebenbei wäre hier das Dorffest gewesen. Sogar eine To-Do-Liste hatte ich angelegt und fein säuberlich nach Wichtigkeit sortiert.

Und dann saß ich da, den Cappuccino in der Hand, auf die Liste starrend und absolut demotiviert. So vieles, das unerledigt dort stand. So vieles, das mich innerlich so unter Druck setzte, dass ich mich am liebsten verkriechen wollte. Dinge, die in meiner subjektiven Wahrnehmung immens wichtig waren und drohten, mich kleinzukriegen.

Also saß ich da und schlürfte Cappuccino und ließ Minute um Minute verstreichen. Der Herzmann wedelte durch die Küche, kümmerte sich um die Kinder und ließ mich dort, in meine Gedanken versunken, sitzen. Irgendwann stand er vor mir, zog mich vom Stuhl auf, reichte mir meine Tasse und ein Buch, das ich zum Geburtstag bekommen hatte und schickte mich wortlos in den Garten. Direkt hatte ich ein schlechtes Gewissen, wollte protestieren, ihm helfen, die Kinder beschäftigen, den Haushalt erledigen. Doch er gab nicht nach, lächelte und meinte, er macht das schon.

Ein wenig verdattert stand ich da, den Roman in der einen, den Cappuccino in der anderen Hand und überlegte, was ich nun mache. Nach ein paar Augenblicken saß ich dann im Gartenstuhl, starrte auf die Obstbäume und nippte gedankenverloren an meiner Tasse. Ich hatte tatsächlich Langeweile. Und innerlich brodelte ich, denn natürlich hört man durchs offene Fenster die Kinder streiten. Man hört, dass der Herzmann saugt und die Spülmaschine macht. Und auch, dass er sich um alles andere kümmerte, während ich draußen, drei Meter weiter Däumchen drehte. Es machte mich wahnsinnig und unruhig. Das schlechte Gewissen fraß mich auf.

Als ich läutete, um um Einlass zu bitten, lächelte der Mann nur, sagte, er habe alles im Griff und ich solle mich doch endlich mal entspannen. Doch wie geht dieses „Entspannen“ eigentlich? Wie geht das, wenn man ständig sieht, was noch alles ansteht und wo die Baustellen sind? Wenn die eigenen Anforderungen innerlich auf die To-Do-Liste klopfen und ständig auffordern, dass man endlich seinen Hintern hochbekommen soll?

Irgendwann, ich habe die Haustür wohl etwa 2 Minuten entgeistert angestarrt, die sich vor meiner Nase wieder schloss, nahm ich also das Buch und legte mich in den Garten. Und ich begann zu lesen. Völlig unkonzentriert. Aber mit einem Ohr hing ich eben am Haus und hatte bei jedem Mucks den Drang aufzustehen und nachzusehen. Mit der Zeit wurde ich ruhiger, konnte mich auf mein Buch konzentrieren und fand sogar Gefallen daran. Das Buch fesselte mich und die Zeit verflog mit einem Mal.

Dass der Herzmann mich zum Mittagessen rief, überhörte ich, so vertieft war ich in das Buch. Auch die Kinderstimmen, die am Esstisch um den besten Sitzplatz stritten, nahm ich nur aus der Ferne wahr.

Als es mir in der Sommerhitze dann doch zuviel war, bat ich um Einlass – und wurde direkt liebevoll ins Schlafzimmer bugsiert, um dort weiter nichts zu tun. Also außer atmen und lesen. Und so langsam machte es richtig Spaß und das schlechte Gewissen baute sich allmählich ab. Ich hatte Zeit für mich. Für mich ganz alleine. Sobald eines der Kinder das Zimmer stürmen wollte, wurde es liebevoll vom Herzmann wieder hinausbugsiert. „Die Mama braucht heute ein bisschen Zeit für sich. Wenn du was brauchst, komm bitte zu mir.“ Und es tat mir gut.

Abends, als wir alle gemeinsam beim Abendessen saßen, hatte ich ganze 200 Schritte getan (Schrittzähler sind perfekt fürs schlechte Gewissen an Faulenzertagen), keinen Handschlag im Haushalt gemacht – und war glücklich. Die Kinder waren dennoch versorgt und zufrieden, die Wäsche trotzdem erledigt und andere Baustellen einfach auf die kommende Zeit verschoben.

Diese Erfahrung, Langeweile zulassen zu können, Dinge liegen lassen zu dürfen, ohne dass das schlechte Gewissen das Hirn zermartert, hat mich einiges an Kraft gekostet. Die Erfahrung, die Verantwortung komplett in andere Hände zu geben, ohne zu kontrollieren, ob das auch nach meinem Gusto erledigt wird, war unheimlich nervenaufreibend. Und dennoch steht das Haus noch. Alles, was dringend war, wurde erledigt. Vielleicht anders, als ich es gemacht hätte. Und vielleicht auch so, dass ich am liebsten noch einmal selbst Hand anlegen würde. Aber es wurde gemacht. Ich wurde von keinem Wäscheberg erschlagen, die Kinder haben kein Trauma davon getragen, dass ich einen Tag nicht präsent war und obendrein hatte ich Zeit. Zeit für mich, meine Gedanken, ein ganzes Buch zu lesen und zu lernen, dem Herzmann auch in solchen Dingen blind zu vertrauen.

Oft stehe ich mir selbst im Weg. Das Zepter aus der Hand geben, das ist eben nicht so einfach. Aber der Herzmann hat mir gezeigt, dass nicht nur ein Weg ans Ziel führt. Dass auch andere Wege richtig und überhaupt möglich sein können. Und in Zukunft werde ich vielleicht sogar Zeit einfordern, Langeweile zulassen und Dinge liegen lassen, nur um mir selbst etwas zu gönnen. Ohne im Kopf die Liste an Dingen zu erweitern, die erledigt werden „müssen“, ohne schlechtes Gewissen. Dafür mit dem Wissen, dass es gut tut, sich auch mal nur um sich selbst kümmern zu dürfen und zu können.

Und das sollten wir alle viel mehr machen. Einfach mal nichts tun. Langeweile zulassen. Dem Gewissen den Mittelfinger zeigen und darauf schauen, was wir eigentlich schon alles getan haben. Für uns selbst sorgen.

Herzlichst, die Julie

 

Das sollten wir alle viel mehr machen. Einfach mal nichts tun. Langeweile zulassen. Dem Gewissen den Mittelfinger zeigen und darauf schauen, was wir eigentlich schon alles getan haben. Für uns selbst sorgen.

 

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