Freundschaft unter Müttern - wie verändern sich Freundschaften und was macht eine gute Freundschaft aus? Julie, Mama von 6, berichtet.
Gedankenwelt,  Life

„Mama, hast du noch Freunde?“ // Wie Freundschaften sich verändern

Neulich guckte mich der 9-jährige Zwerg an, musterte mich von oben bis unten und überlegte wohl, was er sagen wollte. Auf meine Frage, was los sei, antwortete er zögernd: „Mama, sag mal, hast du eigentlich noch Freunde? So richtig? Und warum triffst du dich nie mit denen?“

Wenn der Grund die Frage stellt – oder wie war das?

Als Jugendliche hatte ich einen großen Freundeskreis. Da waren einmal die Schulfreund*innen, mit denen ich die meiste Zeit in der Schule und den Freistunden zusammen hing. Und da waren dann die Freundschaften, die mir die Nachmittage und Abende füllten. Ich war immer unterwegs, hüpfte von einer Party zur nächsten. Oder ich hatte daheim Besuch. Alleine war ich nie.

Auch als ich später meinen Mann kennenlernte, war mein Freundeskreis noch groß. Im Studium kamen neue Leute dazu, die zum Teil noch heute fest in meinem Leben verankert sind. Wir gingen oft Cocktail trinken oder saßen zusammen im Unicafé und schlürften Cappuccino. Ja, während meines Studiums habe ich einige unglaublich tolle Menschen kennengelernt.

Ich war nie allein, hatte immer Gesellschaft und genoss sie wirklich sehr. Bis heute bin ich eigentlich ein richtig geselliger Mensch, möchte ich meinen.

Aber mit Kindern verschieben sich eben die Prioritäten.

Prioritäten und freie Zeit sind nun anders. Klar kann ich noch immer meine Cocktails trinken gehen oder mich für ein paar Stunden hier raus schleichen. Aber das bedarf in der Regel Vorlaufzeit. Mit Kindern – noch dazu so vielen – geht einfach auch die Flexibilität verloren. Denn da muss Betreuung organisiert werden, womöglich lässt sich ein Kind nur von einer bestimmten Person ohne stundenlanges Drama ins Bett bringen, etc. 

Und das ist ja dann auch nur mein Päckchen, denn die Person, mit der ich mich treffen möchte, muss ja auch außenrum organisieren.

Heute bin ich die meiste Zeit daheim, kümmere mich um die Care Arbeit und arbeite über meine beiden Blogs.
Freundschaften ändern sich

Der 9-jährige hat Recht. Ich sehe meine Freund*innen selten. Sehr selten. Alle 2-3 Wochen kommt eine liebe Freundin aus Abizeiten mit ihrem Sohn vorbei und ich koche für uns. Ab und an besuche ich meine Freundin, deren Tochter mit meiner Großen befreundet ist und wir trinken Kaffee und quatschen über das Leben. Eine meiner engsten Menschen habe ich seit über zwei Jahren nicht gesehen, nicht in den Arm genommen. Wieder andere sehen wir nur zu Geburtstagen.

Und in den meisten Fällen reicht das vollkommen aus. Denn mein Tag hat nur 24 Stunden und ich bin froh, den Alltag mit sechs Kindern gut über die Bühne zu bringen und am Abend nicht immer nur ko ins Bett zu rollen.

Ich weiß dennoch, dass sie da sind. Diese Handvoll, die übrig geblieben ist, von dem riesigen Freundeskreis als Teenager, muss ich nicht sehen, um zu wissen, dass sie im Zweifel ins Auto oder den Zug steigen und binnen kurzer Zeit vor Ort wären. Diese Konstante, die Sicherheit, die tut gut.

Aber manchmal sitzt mir die Sehnsucht im Nacken.

Manchmal fehlt es mir und die Einsamkeit als Mutter überrollt mich. Manchmal macht es mich wahnsinnig. Da fehlt mir der Austausch. Austausch fernab von Instagram oder Twitter. Mir fehlt die Interaktion „face to face“. Eine Umarmung, Emotionen nicht nur hören oder lesen, sondern live sehen.

Die Pandemie ist da nicht gerade von Vorteil, denn ich habe hier 6 Kinder, die ich einfach nicht durch meinen Egoismus, andere zu treffen, gefährden möchte.

Ich bin den ganzen Tag von kleinen Menschen umgeben – dennoch fehlt oft der Austausch mit Erwachsenen.
Freundschaft unter Müttern.

Ja, das ist dann nochmal eine andere Kategorie. Als ich das erste Mal Mama wurde, waren wir mitten im Studium und mein Umfeld dachte nicht an Kinder. Jetzt beim letzten Kind zieht der Freundeskreis langsam nach. Das bedeutet aber auch, dass noch weniger Zeit vorhanden ist und gemeinsame Treffen noch schwerer umzusetzen.

Dazu mag ich mich nicht ausschließlich über den Windelinhalt, Schlafrhythmus und den neuesten Tratsch über Plastikspielzeug austauschen. Meine Interessen sind – wenn ich nicht mit meinen Kindern zusammen bin – mittlerweile einfach wieder breiter gefächert. Ich lese viel, bilde mich fort, informiere mich bei seriösen (!) Quellen über aktuelle Geschehnisse, die weit über das Kinderthema raus gehen.

Das ist manchmal schwierig, wenn der Fokus eben noch auf dem frischen Elterndasein oder komplett auf den Kindern liegt. Daher sind Menschen, die mich ein wenig kennenlernen, auch oftmals ein bisschen irritiert, wenn ich genervt die Augen verdrehe, wenn man sich nur um die Kinderachse drehen möchte.

Zum Glück ist mein Freundeskreis da ein wenig anders.

Loslassen und neu finden.

Was sich in den letzten Jahren, seit ich über meine Einsamkeit als Mutter berichtet habe, aber getan hat, ist folgendes: Vor allem in meinen 20ern haben sich viele meiner Freundschaften auseinander gelebt. Wir haben uns einfach unterschiedlich entwickelt und zum Teil haben die Lebensansichten nicht mehr zusammen gepasst. Einige Freundschaften liefen schon weit vorher auseinander. Zum Beispiel zur Schulzeit, wenn die Klassen neu aufgeteilt wurden oder andere die Schule gewechselt haben.

Dadurch, dass wir mittlerweile alle recht gefestigt sind, mitten im Leben stehen und sich unser Horizont und unsere Ansichten der Pubertät entwachsen haben, finden doch immer wieder einige Freundschaften zurück. Das ist unheimlich schön und fühlt sich trotz mehrerer Jahr(zehnt)e wirklich gut an. Als ob kaum eine Pause dazwischen geblieben ist. Vertraut. 

Auch mit vielen Kindern interessieren mich nicht nur Windelinhalt und Trotzphasen.
Meine Ansicht, was Freundschaften angeht, hat sich auch sehr verändert.

Ich brauche kein Drama und keine Spannungskurven mehr. Ich mag entspannte Freundschaften, in denen man sich wertschätzend unterhält und konstruktiv kritisiert. Dass man Verständnis füreinander hat, wenn Nachrichten einfach mal ein paar Tage (und im blödesten Fall Wochen) versumpfen, bevor man sich aufraffen kann, um zu antworten.

Wir wissen alle, wie wir uns zu nehmen haben, können diskutieren, auch streiten, und uns danach wieder ganz einfach versöhnen. Ohne Drama, das sämtliche Lebensbereiche lähmt.

Das mag ich sehr.

Aber ich habe auch gelernt, Menschen einfach ziehen zu lassen, wenn ich merke, es bereitet mir mehr Bauchschmerzen als Freude. Ich muss nicht mehr um Freundschaften kämpfen und mich aufopfern, um etwas am Laufen zu halten, das nur einseitig ist. So sind aus vielen Freundschaften Bekanntschaften geworden oder ins Leere verlaufen. Und das ist absolut okay. Vielleicht trifft man sich wieder und es wird irgendwann wieder vertieft – oder auch nicht.

Diese Handvoll an Menschen, die ich habe, die reicht mir. Nicht die Menge macht es, sondern die Qualität. Auch, was Freundschaften betrifft.

Und da sind dann noch die Online-Bekanntschaften.

Ja, ich habe über die letzten Jahre viele Menschen über Facebook, Twitter und Instagram kennengelernt. Ich habe viele tolle Gespräche geführt und meinen Horizont dadurch erweitern können. Ein paar davon möchte ich, sobald die Kleinste aus dem Gröbsten ist, kennenlernen. Für mich. Ohne Kinder. Einfach so. Weil sie mir sympathisch sind und ich den Austausch liebe.

Und weil man mehr ist als nur Mama oder Papa. Weil soziale Interaktionen der Seele gut tun. Meiner Seele.

Also ja, ich habe noch Freund*innen!

Auch wenn wir uns weniger sehen, meine Kinder wenig davon mitbekommen, sie sind da! Und ich bin dankbar dafür. Für jeden einzelnen Menschen, der mich einen Teil meines Weges begleitet und mir den Rücken stärkt.

Herzlichst, die Julie

 

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