Stillen ist Liebe - Flaschennahrung aber auch! Warum wir aufhören sollten, die Brust zu glorifizieren und Babynahrung zu verteufeln.
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Stillen ist Liebe – Flaschennahrung auch?

Wie oft ich, seit ich mich auf Instagram bewege, diesen Satz gelesen habe. „Stillen ist Liebe.“ Ist es das? Wirklich? Lange habe ich mir keine großartigen Gedanken darüber gemacht. Weder während der Weltstillwoche noch danach. Aber so langsam wird das Thema bei mir eben wieder präsent und der Satz spukt immer mehr in meinem Kopf herum. Irgendwie impliziert es ja, dass alles andere keine Liebe ist. Dass Flaschennahrung noch immer ungern gesehen und die Brust glorifiziert wird.

Wer nicht stillt, hat versagt

Ja ehrlich, diesen Satz bekam ich – in ziemlich vielen Facetten – beim ersten Kind zu hören und zu spüren. Für uns beide war das Stillen ein Kampf, nachdem man ihr im Krankenhaus, während ich schlief, einfach eine Flasche in den Mund gedrückt hatte. Ich hatte Milch, doch es war ihr nach dem Flaschengate zu anstrengend. Sie schrie die Brust an, ich weinte und verfluchte die Welt. Die Hebamme machte mir Vorwürfe, dass ich nach 10 Wochen zu schnell aufgegeben und dann doch auf Flaschennahrung zurück gegriffen hatte. „Wer wirklich stillen möchte, braucht keinen Plan B“ war ihre Aussage.

Ich habe versagt. Meinem Kind nach 10 Wochen Kampf, Tränen und nur negativen Gefühlen die Flasche gegeben. Die Maus war glücklich. Doch ich hatte versagt, denn mein Körper und mein Wille hatten nicht so funktioniert, wie es sich für eine Mama gehört. Dass das Baby aber damit ausgeglichener und ruhiger war, tat nichts zur Sache. Ich hatte meinem Kind dadurch das Beste verwehrt. Muttermilch.

Und ich habe das geglaubt. Ernsthaft. Ich habe geglaubt, ich schade meinem Kind durch das Fläschchen. Als Erstlingsmama ist man eben auch noch nicht so gefestigt, dass man rein auf sich vertraut. Man hört auf die Hebamme und die Krankenschwestern. Man hört auf den Arzt, der mit vorwurfsvollem Blick eine Rede über die gute Muttermilch hält.

Ich hatte lange ein schlechtes Gewissen meinem Kind gegenüber. Unberechtigt, denn sie wuchs und war, nachdem wir langsam auf die Flasche umgestellt hatten, ein richtig ausgeglichenes Baby.

Umdenken statt zu verurteilen

Ziemlich schnell nach der Großen wurde ich wieder schwanger mit der Prinzessin. Diesmal war ich insofern gefestigt, dass ich von Anfang an Fläschchen und Babynahrung auf Vorrat hatte – egal, was Hebamme und Co. sagen sollten. Ich wollte diesen Druck nicht mehr. Diesen Kampf. Das Gefühl, versagt zu haben.

Das erste Anlegen klappte gut, die ersten Wochen waren sogar recht unproblematisch. Doch dann merke ich, wie mich die Stillsituation zunehmends belastete. Wie sie mir die Kraft raubte und mich auslaugte, während die Maus immer unausgeglichener wurde. Und wir griffen zur Flasche. Es war für uns beide die beste Entscheidung. Unser gesamtes Verhältnis entspannte sich wieder. Ich hatte keine Angst vor der nächsten Hungerattacke mehr.

Beim dritten Kind stillte ich dann schließlich 11 Monate. Freiwillig? Nein, eher, weil dieser kleine Mann einen unheimlich schweren Start ins Leben hatte und ich so schon ein schlechtes Gewissen mit mir herum trug. Außerdem fand er die Flasche total doof und nahm sie nicht an.  Aber es war okay und ich glaube, wir brauchten das diese 11 Monate beide, bis er sich selbst entschied, die Brust gegen den Trinkbecher einzutauschen.

Auch beim Frosch ging ich wieder unvoreingenommen ans Stillen und wir schafften immerhin 5 Monate gemeinsam, bevor ich nicht mehr wollte und konnte. Unserer Beziehung hat das Abstillen nicht geschadet. Aber das Stillen hat sie auch nicht in besonderem Maße gefördert.

Stillen ist Liebe - Flaschennahrung auch? Warum wir aufhören sollten, die Brust zu glorifizieren und Babynahrung zu verteufeln. Stillen ist Nahrung. Fläschchen auch.

Liebe und Geborgenheit statt Flasche oder Brust

Was mir am meisten beim Satz „Stillen ist Liebe“ sauer aufstößt, ist, dass es impliziert, dass man weniger liebt, wenn man nicht stillt. Dass die Bindung weniger stabil ist, wenn die Flasche zum Einsatz kommt. Doch was ist mit schwulen Pärchen, die sich entschließen, gemeinsam ein Kind aufzuziehen? Lieben sie ihr Kind deswegen weniger? Oder was ist mit Adoptiveltern, die jahrelang auf die Chance warten, ihr Kind im Arm zu halten?

Egal, wie ich mein Baby ernähre, ich habe es eng bei mir, schaue es verliebt an und genieße die Nähe. Ob mein Baby durch die Flasche oder die Brust satt wird, spielt dabei doch nur eine untergeordnete Rolle. Dass das Baby satt ist, die Windel gefüllt und der Babybauch nicht schmerzt, ist wichtig. Dass das Baby nicht vor Hunger weinend einschläft, sondern ein volles Bäuchlein hat, ohne sich stundenlang zu quälen, das zählt. Nicht, ob die Nahrung über die Brust oder die Flasche aufgenommen wird.

Weg mit dem Druck und der veralteten Denkweise

Es gibt extra Flaschennahrung für den Fall, dass man nicht stillen kann – oder möchte. Es gibt unzählige Facetten zwischen reiner Brust und reiner Pulvermilch für das Baby. Sicher ist Muttermilch das Beste für diese kleinen Wunder, aber man muss und darf sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen, wenn man (vielleicht auch unfreiwillig) einen anderen Weg einschlägt.

Dieses „Die Mutter hat zu stillen, alles andere ist Versagen“ ist ein Überbleibsel der Pädagogik des Nationalsozialismus. Wo wir sonst so weit fortgeschritten sind, Bedürfnisse aller achten, stolz auf Entscheidungsfreiheit beharren und Emanzipation leben, wird hier ein schlechtes Gewissen produziert, der Mutter eine Rolle zugeteilt und jegliche Wahl abgesprochen. Eine gute Mama macht das, andernfalls ist sie keine gute.

Nein, einfach nur nein! 

Liebe, Zuneigung und Geborgenheit kann man nicht an Muttermilch festmachen. Genauso wenig an Fläschchennahrung oder in welcher Mondphase um welche Uhrzeit die Geburt stattgefunden hat.

Statt sich damit zu rühmen, dass der eine Körper funktioniert, während man gleichzeitig andere vorverurteilt, wenn es nicht klappt, wäre es wunderbar, Flaschennahrung als Bereicherung zu sehen. Als weitere Möglichkeit, das Beste für sein Kind zu geben. Und die Möglichkeit, den Partner gleichberechtigt in die Babypflege mit einzubinden.

Stillen ist Liebe – Flaschennahrung aber auch!

Oder anders: In erster Linie geht es um Nahrungsaufnahme. Eigentlich geht es nur um Nahrungsaufnahme. Ob und wie das funktioniert, ist absolut zweitrangig. Dass es – wie auch immer – passiert, das ist essenziell. Und wenn ich daran denke, wie bereichernd es für unser Familienleben war und ist, dass der Herzmann genauso füttern und seinen Kindern die Nähe geben konnte, dann möchte ich das nicht missen.

Ich werde diesmal übrigens wieder versuchen zu stillen. Nicht, weil ich mich so sehr auf zerkaute Brustwarzen, Milchstau und ähnliches freue. Sicher nicht. Sondern, weil ich bequem bin. Ob es klappt? Ich weiß es nicht. Vorsichtshalber steht hier aber schon ein Fläschchen mit passender Babynahrung parat. Dafür, dass ich vielleicht einfach mal drei Stunden am Stück schlafen möchte, weil ich auf dem Zahnfleisch gehe. Oder wenn es schlichtweg einfach nicht klappt.

Ein schlechtes Gewissen? Absolut unnötig, denn Liebe ist Liebe und Stillen ist Stillen. Nicht mehr und nicht weniger.

Herzlichst, die Julie

Stillen ist Liebe - Flaschennahrung auch? Warum wir aufhören sollten, die Brust zu glorifizieren und Babynahrung zu verteufeln. Stillen ist Nahrung. Fläschchen auch.

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Bildquelle: Pixabay

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4 Comments

  1. Julie, danke für diesen Blogpost! Du sprichst mir damit aus der Seele! Muttermilchersatz hat in den vergangenen 150 Jahren unzähligen Babys das Leben gerettet (voher war ein Baby so gut wie tot, wenn sich die Eltern keine Amme leisten konnten).
    Mir ist es ähnlich wie dir beim ersten Kind ergangen. Ich bin die ersten Wochen fast nur mit Kind an der Brust herumgesessen, weil er so schluckfaul war und nach einem Monat heulend in der Kinderarztpraxis gesessen bis er mich nur angesehen hat und gemeint hat „Na dann geben’s ihm halt eine Flasche“. Ich hab dann erst mal abgepumpt, bis es zu wenig war und dann Milchpulver.
    Aber was ich mir anhören hab müssen, von Besserwissern und der $#&!-Stillberaterin, da werd ich heute wütend, damals war ich einfach nur verzweifelt.

    1. Ich finde es so schade, wenn frischen Eltern gegenüber so ein Druck aufgebaut wird. Gerade, wenn man eh noch verunsichert und alles Neuland ist. Hoffentlich setzt so langsam ein Umdenken ein.

  2. Du sprichst mir auch aus der Seele. Bei mir war es beim ersten Kind genauso. Ich habe allerdings, um dem Kind doch noch Muttermilch zu kommen zu lassen, schlechtes Gewissen, abgepumpt, 8 lange Woche lang. Und dann sehr erschöpft und am Ende meiner Kräfte aufgegeben. Milch hatte ich mehr als genug. Aber ich konnte nicht mehr. Und mir wurde auch ein sehr schlechtes Gewissen, von allen Seiten (außer meiner Hebamme) eingeredet, Omas (die übrigens nie gestillt haben). Meine Große ist jetzt 18 und gesund, mehr braucht man dazu nicht zu sagen. Beim Zweiten habe ich dann gestillt, fast 1 Jahr lang – es ist wie DU sagst sehr bequem. Damals nahm ich vor, den ganzen Streß (mit Hütchen, Schlauch etc.) tue ich mir nicht an. Wenn Junior wie bei der Tochter die Brust anschreit, es nicht klappt, gibt es die Flasche von vornherein. Abpumpen und dann füttern, nie im Leben.

    1. Hallo Tinchen,
      es tut mir leid, was du dir da anhören musstest. Umso besser, dass du dir nicht reinreden lassen und dein Ding gemacht hast.

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