Ist die Ökobilanz im Einzelhandel wirklich besser, wenn man für alles ins Auto steigen muss? Oder ist der böse Onlinehandel gar nicht so böse?
Gedankenwelt, Life

Für die Ökobilanz im Einzelhandel weg vom bösen Onlineshop?

Überall, egal wo man im Netz unterwegs ist, wird immer gegen den bösen Onlinehandel gewettert. Die armen kleinen Läden sterben aus, da sie teurer sind, ihr Sortiment beschränkt ist. Auch in unserer Gegend sehe ich, wie immer mehr Läden schließen. Doch, je länger ich hier sitze und grüble, desto eher bekomme ich ehrliche Zweifel, ob es denn wirklich besser für die Umwelt ist, wenn ich im lokalen Einzelhandel einkaufe, statt online zu bestellen. Deswegen schreibe ich jetzt mal hier meine persönliche und subjektive Meinung dazu auf. Denn die Ökobilanz im Einzelhandel ist so individuell, wie die Vorlieben bei der Kuchenwahl.

Das Dorfleben passt anscheinend nicht in die Umwelthilfe

Wir leben hier in einem kleinen Dorf. Es gibt einen Hofladen, einen Bäcker, einen Metzger, einen Fotoladen und ein Café. Der Supermarkt am Ende des Dorfes hat meist stolze Preise und beim Obst und Gemüse bin ich absolut nicht von der Qualität überzeugt. Soweit die Einkaufsmöglichkeiten hier bei uns.

Der Bus zur nächsten Stadt, 10 km entfernt, fährt alle Jubeljahre und am Wochenende gibt es nur den Rufbus. Wer also die Hälfte seiner Lebenszeit nicht gerade am Bushäuschen verbringen möchte, braucht einen Führerschein für Roller, Auto oder ähnliches – oder ist sportlich unterwegs, denn zwischendrin muss ein Berg erklommen werden. Eine Zuganbindung ist nicht vorhanden.

Ich muss also, wenn ich mich mit regionalen Produkten, die mir ausgehen, eindecken möchte, ins Auto steigen. Der Hofladen hat nur einmal die Woche geöffnet und der Hauptvertrieb davon sind Kartoffeln. Wenn ich Kleidung, Bücher, Geschenke benötige, muss ich mit dem Auto fahren. Auch für einige Hobbies der Kinder huste ich Benzin in die Luft, denn diese Freizeitangebote gibt es hier vor Ort nun einmal nicht. Klar hätte die Prinzessin auch Klavier oder Gitarre lernen können. Aber was nutzt mir das, wenn sie unbedingt Geige lernen möchte?

Zu meiner Gynäkologin steige ich auch ins Auto, denn würde ich mich auf die Zeitangabe des Termins oder den Bus verlassen, stünden meine Kinder regelmäßig vor verschlossenen Türen. Oder der Hausarzt. Der sitzt im knapp 9 km entfernten Nachbarort. Da sieht die Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln noch mieser aus. Für meinen Zahnarzt steige ich sogar 2x im Jahr für 40 km ins Auto – weil ich ihm vertraue und er mich ernst nimmt.

Es geht mir nicht um die Preise

Wer mich kennt, weiß, ich kaufe gern regional und bio ein. Ich achte darauf, keine Avocado im Einkaufswagen zu haben, habe schon diverse Kooperationen abgelehnt, weil mir dabei zuviel Müll (einzelne Riegel extra foliert und nochmals verpackt und solche Späße) entstanden wäre, was nicht mit meinem Gewissen vereinbar ist. Die Wurst und das Fleisch kommt meist vom Schafhof, der die Tiere mit Namen großgezogen hat und ihnen das passende Leben ermöglichen konnte, bevor sie geschlachtet wurden. Dafür lege ich gern den ein oder anderen Euro drauf und spare an anderer Stelle.

Sogar Medikamente hole ich immer, wenn möglich, wenn ich eh schon unterwegs bin und bestelle sie nie online, obwohl ich da massig sparen könnte. Wenn man sich allein ausmalt, was Nasenspray für Kinder kostet, wenn alle 4 auf einmal rotzen…

Aber man muss auch realistisch bleiben und die Kirche im Dorf lassen

Wenn ich Benzin in die Luft verpulvere, um ewig durch die nächste Innenstadt zu gurken, in der Hoffnung einen Parkplatz zu finden, ist es das eine. Wenn dann aber kein Kleidergeschäft meine Elefantengröße führt (und ich bin nunmal eine Pummelfee), war das eine Fahrt für die Katz. Abgesehen davon, dass das meist ungelernte Personal mit genauso gut hilft, wie das Maßband daheim. Und ich diese abschätzigen Blicke, wenn ich von oben bis unten gemustert werde, ziemlich gern umgehe.

Das gleiche gilt für PC-Teile. Der Mann ist leidenschaftlicher Tüftler und baut sich hin und wieder was Neues zusammen. Ja, wenn ich das in der riesen Kette in der nächsten Stadt kaufe, habe ich damit den regionalen Einzelhandel auch nicht wirklich unterstützt, denn der hat dieses Teil nicht vorrätig. Allgemein spezielle Teile sind mit hohem Zeit- & Kostenaufwand verbunden, wenn man vom Dorf in die nächste Großstadt 45 km entfernt gurken muss, um zu hoffen, sie haben dieses Teil der Modelleisenbahn oder das Musikinstrument jenes Herstellers.

Oder Bücher. Ich liebe Bücher und verschlinge phasenweise wirklich 3-4 dicke Schinken pro Woche. Wenn ich also in den nächsten regionalen Buchladen fahre und er aber dieses Buch nicht vorrätig hat, muss er es selbst (und jetzt kommt die Krux) online bestellen, damit es zum Buchladen geliefert wird. Ich habe also schon einmal sinnlos Benzin in die Luft geblasen, es wird zusätzlich Sprit verbrannt, um es anzuliefern und ich sitze wieder im Auto, um es abzuholen. Das ist doch Irrsinn! Und selbst wenn man es telefonisch vorbestellt: Eine zusätzliche Fahrt entsteht in jedem Fall.

Der Onlinehandel ist nicht per se schlecht

Bevor ich also ins Auto steige, informiere ich mich meist online, ob meine Wünsche im Laden vorrätig sind. Sind sie das nicht, bestelle ich online. Ja, ich könnte in die Augsburger Innenstadt gehen, und da das ein oder andere Monatsgehalt bei Ulla Popken lassen. Kostet mich nur unheimlich viel Sprit, den ich – sinnlos – in die Luft verballere und Nerven, weil mir evtl. nichts steht, während ich vielleicht einfach günstig gebraucht bei ebay schaue oder anderweitig online einkaufe, denn die Post und andere Zulieferer dieser Art fahren täglich durch meine Wohnsiedlung und sind dadurch nicht extra für mich unterwegs.

Gerade, wenn ich für vier Kinder Christkind spiele, ist es sinnvoller, den Onlinehandel zu nutzen. Denn, seien wir mal ehrlich, wenn ich diverse Kleinstädte in meiner Nähe abfahren muss, um das eine Herzensding zu finden, das sich der Zwerg wünscht, hat das nichts mehr mit positiver Unterstützung des Einzelhandels oder toller Ökobilanz zu tun. Es ist schlichtweg umweltschädlich, ne Metzgerfahrt, also für den Hintern, und ineffektiv.

Natürlich sollte man da auch sinnvoll handeln und nicht jeden Mist einzeln bestellen, sondern einfach auch seine Ideen sammeln, bis sich die Menge lohnt und den Verpackungsmüll rechtfertigt. Hier habe ich eine tolle Gegenüberstellung gefunden. Die Ökobilanz im Einzelhandel ist also nicht zwingend besser. Es kommt darauf an, wie man das Ganze angeht.

Mein persönlicher Eindruck vom Einzelhandel hier vor Ort

Ich gehe gern bummeln. Die Atmosphäre von Büchern in Regalen, die man alle anfassen und fühlen kann, liebe ich und kaufe auch oft spontan das ein oder andere Buch. Außerdem nehme ich gern im Alltag Kleinigkeiten mit. Ob das die handgeschöpfte Seife ist oder das Kleidchen aus dem süßen Laden, der ganz versteckt liegt. Und oft finde ich es auch schade, wenn der ein oder andere Laden, den ich seit meiner Kindheit kenne, auf einmal schließt.

Aber – jetzt kommt mein persönlicher Eindruck – oftmals schließen diese Läden, weil sie kein Alleinstellungsmerkmal haben. Oder sie treten seit Jahren auf der Stelle und sind nicht bereit, sich neueren Zeiten anzupassen. Läden mit persönlicher guter Beratung halten sich meist, sind stets besucht und man zahlt gern den ein oder anderen Euro mehr dafür, dass man kompetentes Fachpersonal an seiner Seite hat.

Wenn ich aber nur Massenware präsentiert bekomme, die ich woanders preisgleich oder günstiger bekomme, wähle ich persönlich den einfacheren Weg. Denn Geld wächst nicht auf den Bäumen und irgendwo muss ich auch schauen, wo ich bleibe.

Dazu kommt, dass in den letzten Jahren so viele Innenstädte und Dorfkerne wunderschön hergerichtet wurden – zulasten der Geschäfte. Denn wenn die nicht erreichbar sind, weil monatelang der Weg dorthin nicht gemacht aber abgesperrt wird, sucht man sich eben Alternativen – auch als Stammkunde.

Pauschalisierungen sind fehl am Platz, die individuelle Lebenssituation zählt

Für Stadtbewohner ist es meist einfacher, den regionalen Einzelhandel zu unterstützen. Die Verkehrsanbindungen sind besser, die Infrastruktur gegeben und vieles ist fußläufig erreichbar. Für Wochenmärkte muss man nicht ins Auto steigen, die Auswahl an Geschäften ist größer. Da tut es auch nicht weh, ein zweites Mal 10 Minuten in die Innenstadt zu laufen (oder mit der Tram zu fahren).

Auf dem Dorf mit geringen Möglichkeiten ist der ökologische Faktor eine Utopie. Das sind tolle Gedanken, die schlichtweg nicht oder kaum umsetzbar sind, auch wenn ich es mir anders wünschen würde.

Wir machen keine Flugreisen, wir überlegen uns zweimal, ob wir neue Kleidung kaufen, lassen das Wasser beim Zähneputzen aus. Aber ich geisle mich nicht selbst. Und oftmals, so meine Erfahrung, wurde ich genau für diese Einstellung von Menschen im Einzelhandel kritisiert, die ihre Ökobilanz und nachhaltige Einstellung ganz schnell vergessen, wenn es um die Flugreise in die Türkei oder nach Indien geht. Irgendwie dann doch ein bisschen scheinheilig oder?

Wie siehst du das? Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?
Herzlichst, die Julie

Ist die Ökobilanz im Einzelhandel wirklich besser, wenn man für alles ins Auto steigen muss? Oder ist der böse Onlinehandel gar nicht so böse?

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2 Comments

  1. Bienchen says:

    Ich wohne auch auf dem Land, die nächsten richtigen Läden sind 5-8km weit weg, allerdings nur mit dem Fahrrad, mit dem Auto muss ich mit 10km rechnen, weil man ja die Durchfahrt für die Ortsfremden unattraktiv machen muss.
    Auch bei uns ist die Busverbindung nicht so toll. Bisher bin ich zur S-Bahnstation gefahren, aber die liegt leider auf Stuttgarter Gemarkung und ist damit für mich nicht mehr erreichbar, genau wie einige Ärzte, der Tierfutterladen, der Campingzubehörhändler, der Outdoorshop, der Elektronikladen, der Baumarkt und das Einrichtungshaus.

    1. Ja, es wird alles nicht unbedingt leichter. Gute alte Zeiten?! 😉

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