Einsam lebt das Muttertier

Vor meiner ersten Schwangerschaft war ich ein Lebemensch. Mein Freundeskreis war groß, meine Sehnsucht nach Parties, Alkohol und Kontakten ebenso. Ich lebte. Und ich genoss. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass Kinder dazu führen würden, dass man vereinsamt. Kinder, die doch eigentlich die Verbindung zwischen Menschen sind und durch ihre unbedarfte und unschuldige Art Grenzen einreißen. Außerdem hatte ich die meisten meiner Freundschaften schon lange vor und direkt zu Anfang während des Studiums geschlossen. Wir kannten uns also sehr gut. Dachte ich zumindest.

Dann kam die große Maus 

Während der Schwangerschaft mit meiner Großen war alles in Ordnung. Ich lebte weiter mein Leben, verzichtete zwar auf Alkohol und zu laute Musik, feierte aber dennoch und hielt viel auf meine sozialen Kontakte. Die Reaktionen aus meinem Umfeld zu einer so frühen Schwangerschaft – „Oh Gott, du bist doch erst 21!“ – hielten sich in Grenzen und zum Schluss zu waren die zweifelnden Stimmen verebbt.

Und dann war sie da. Unser absolutes Wunschkind. Doch sie war kein Vorzeigebaby, wie man das oft als werdende Eltern vermittelt bekommt. Schlafen? Ruhig auf der Spieldecke liegen und vor sich hin glucksen? War nicht. Sie schrie und schrie und schrie. Über drei Monate schliefen wir in Schichten, damit wir überhaupt irgendwie funktionieren konnten. An Feiern oder die Essenseinladungen, die ich zuvor gern ausgesprochen hatte, war die ersten Monate nicht zu denken. Die kleinste Abweichung der Norm ließ sie wieder in den Schreimodus verfallen.

Irgendwann, ich glaube es war zwei Monate nach ihrer Geburt, war ich einfach durch. Ich saß im Bett und weinte und flehte dieses arme kleine Ding an, dass es bitte endlich aufhören sollte zu weinen. Ich konnte einfach nicht mehr.

Nach etwa 14 Wochen war der Spuk vorbei und die Maus entwickelte sich zu einem Sonnenschein. Noch immer weinte sie viel, aber wir waren langsam eingespielt und ich lernte, sie durch ihre Phasen zu begleiten ohne selbst zu verzweifeln.

Sorry, aber ….

Nach und nach versuchte ich, die alten Freundschaften wieder in mein Leben mit einzubeziehen. Bei vielen gelang das auch. Bei anderen wurde ich immer öfter vertröstet oder auch ignoriert.

„Ist ja nett, dass du uns einlädst, aber ehrlich, das Babygeschrei… Da kann man sich ja gar nicht in Ruhe unterhalten“

„Schade, dass du nicht mit zum Feiern gehst. Wir treffen uns jedenfalls in der Bar!“

Nach und nach dezimierte sich mein Freundeskreis und es blieb ein harter Kern übrig. Diese Menschen besuchten mich meinetwegen. Sie ließen mir die Zeit, die ich brauchte und verstanden zumindest zum Teil, warum ich – inzwischen mit der Prinzessin schwanger – nicht ständig auf die Piste, sondern lieber Spieleabende oder Abende mit guten Filmen und leckerem Essen genießen wollte.

Doch von Kind zu Kind wurden es weniger. Auch langjährige Menschen, für die ich die Hand ins Feuer gelegt hätte, gingen.

Wir entwickelten uns weiter.

In eine andere Richtung. Weit weg von den Freunden, die zum Großteil – nein eigentlich fast alle – bis heute keine Kinder haben und ihr Leben als Weltenbummler genießen. Weg von denen, die heute noch immer um die Häuser ziehen, auf die Parties am Wochenende hinarbeiten und für die es unverständlich ist, so viele Kinder zu bekommen. Zurück blieb ich. Mit vier Kindern und mit kaum langjährigen tiefgründigen Freundschaften.

Weißt du, die Kinder sind einfach verdammt anstrengend, wenn man nur mal da sitzen und nen Kaffee trinken will.

Wie machst du das? Mir reichen die wenigen Besuche und ich brauche danach schon fast Urlaub

Nun ist noch eine Handvoll übrig. Nein, nicht einmal das. Wir sehen uns nicht oft. Und sie fehlen mir. Der Austausch und die Nähe fehlt mir.

Heute habe ich viele lose Bekanntschaften, hauptsächlich Eltern, mit denen ich mich ab und an verabrede. Im Internet habe ich viele nette Menschen kennen gelernt, denen ich – ganz neutral und ehrlich – mein Herz ausschütten kann, ohne dass ich sie und sie mich wirklich kennen.

Ich bin nicht der Typ, der freudestrahlend in Krabbelgruppen oder das Kinderturnen geht und sich mit anderen Müttern über den Stuhlgang des Babies der vorigen Woche unterhält. Es macht mir auch nicht sonderlich Spaß, auf dem Boden sitzend zu Kinderliedern zu singen und Fingerspiele einzustudieren. Das bin nicht ich.

Je mehr Kinder wir hatten, desto stärker wurde die Einsamkeit. Denn ich bin nun mal nicht mehr so flexibel und kann spontan durch die Gegend kurven. Ich bin abends einfach oft müde, weil mein Tag gegen 5 Uhr beginnt, mit Kindern, Studium, Blog und Haushalt ausgefüllt ist und irgendwann zwischen 22 Uhr und Erschöpfung endet.

Mein Kontakt zur Außenwelt ist rar.

Umso mehr genieße ich die wenigen Augenblicke, in denen ich mich von Angesicht zu Angesicht mit lieben Menschen, die der Babysprache entwachsen sind, zu unterhalten. Manchmal breche ich auch aus. Ich breche aus dem Käfig aus, den ich mir selbst gebaut hatte. Dann treffe ich mich in einer Cocktailbar mit den wenigen übrig gebliebenen Menschen und lache und genieße. Und bin dennoch alleine. Denn mein Lebensplan gleicht leider keinem der meiner Freunde.

Wenn ich dann nachhause fahre, bin ich wieder Julie, die Mama, die zu ihrem Mann unter die Decke schlüpft, nachdem sie ihren vier Mäusen noch ein Küsschen auf die Stirn gedrück hat. Die Julie, die weiß, der einzige erwachsene Gesprächspartner am nächsten Tag wird der Herzmann sein, der mich abends in den Arm nimmt und mir sagt, dass wir das schaffen.

Manchmal, ja manchmal, da denke ich sehnsüchtig an die Zeit vor meinen Kindern. Ob das fair ist? Denn schließlich wollte ich diesen Weg gehen.

Kann man einsam und glücklich zugleich sein?

Es ist ein bittersüßes Gefühl, diese Einsamkeit, während der Frosch sich auf meinem Bauch die Haare kraulen lässt und der Zwerg seine Kuscheleinheiten einfordert. Doch ich weiß, ich würde, könnte ich nochmal 20 Jahre alt sein, genau den gleichen Weg einschlagen. Weil er sich für mich richtig anfühlt. Trotz der Einsamkeit und Freundschaftsverluste.

Herzlichst, die Julie

 

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11 Comments on “Einsam lebt das Muttertier”

    1. Das freut mich zu hören, dass deine Kinder dich total komplettieren und so sehr glücklich machen. 🙂
      Mir fehlt oft einfach das Sozialgefüge, die Gespräche über nicht-Kind-bezogene Themen und der Face-to-Face-Austausch von Lebenserfahrungen.
      Das heißt nicht, dass ich unglücklich bin, denn das bin ich so eigentlich ganz und gar nicht. Aber ab und an fehlt da einfach was, was nicht in die Kinderschublade gehört.

      Herzliche Grüße

  1. Das kenne ich leider auch! Ich höre dann, wenn ich mit jemandem darüber spreche, oft: “ Du hast es ja so gewollt!“
    Andere Mütter sehen mich oft als Rivalin, ich scheine aufgrund meiner 2 wilden, auf Bäume kletternden, matschenden, wundervollen Mädels zu provozieren, was wirklich nicht meiner Absicht liegt. Ich fühle was du fühlst! Liebe Grüße

  2. Hallo Julie,

    Ich erkenne mich total in deinem Post. Habe meine Gedanken dazu mal als Gastbeitrag verbloggt. Der Kern war deinem sehr ähnlich. Ich hab auch oft das Gefühl zu vereinsamen in einer Gruppe von lieben Menschen. Man liebt seine Familie, aber es fehlt das soziale Leben mit Gleichgesinnten 😔. Einfach ich sein und nicht Mama, es ist sooo wichtig ab und an.
    LG
    Natalia

    1. Hallo liebe Natalia,
      genau das meinte ich. Der Austausch und das soziale Leben außerhalb der Familienbande als Ausgleich ist ein sehr wichtiger Stützpunkt, der aber leider mit jedem Kind mehr wegbricht.

      Herzliche Grüße

  3. Hallo,
    ich möchte dir einen kleine Impuls geben, deine Sichtweise etwas zu verändern. Du schreibst, dass deine langjährigen Freunde gegangen sind – aber so ist es nicht nur: du bist auch gegangen. Einen anderen Weg. Damit Freunde mitgehen können, möchten sie einbezogen werden. Auf ganz normale Art und Weise – einfach dabei sein und miterleben, was du erlebst (so wie früher, aber jetzt anders). Zeig Ihnen, dass du immer noch die Alte ist – nur mit anderen Rahmenbedingungen.
    In meinem Freundeskreis gibt es viele Kinder und ich habe einige Freunde an ihre Kinder „verloren“. Das machte mich auch traurig. Aber dort, wo ich mich einbezogen, erwünscht und ernstgenommen gefühlt habe – das ist leider nicht selbstverständlich, wenn man keine Kinder hat – sind Freundschaften enger und intensiver geworden.
    Liebe Grüße

    1. Hallo Karla,

      weißt du, ich versuche immer, meine Freunde mit einzubeziehen und sie an meinem Leben teilhaben zu lassen, sie mit einzubeziehen, Qualitytime „ohne Anhang“ zu organisieren. Ich habe auch nie aufgehört „ich“ zu sein, trotz Heirat und Familiengründung. Doch es ist einfach unheimlich schwer, Menschen in mein Leben mit einzubeziehen, die entweder kein Verständnis dafür haben, mich nur ohne Familie wollen oder die halbe Erdkugel dazwischen liegt. Leider ist das bei den meisten meiner ursprünglichen Freunde der Fall.
      Irgendwann resigniert man aber einfach auch, wenn die Freunde, die sich vorher mit dir aufs Kind gefreut haben, diese dann als Störfaktoren ansehen.

      Liebe Grüße

  4. Hallo,

    es tut mir sehr leid für dich, dass du so viele Freundinnen und Freunde verloren hast. Wir haben nur ein Kind (1 Jahr), beide einen Beruf und sind „Teilzeit-Eltern“, bis die Lütte einen Kita-Platz hat. Doch selbst wir merken, dass wir größere Aktivitäten (Fahrt in eine andere Stadt, feiern gehen, mal ohne Kind essen oder einkaufen gehen …) einfach weitsichtiger planen müssen als vorher Dabei hilft es auch nicht gerade, wenn die ältere Generation (meine Oma) dann zusätzlich darüber schimpft, dass wir unser Sozialleben auch mit Kind weitmöglichst aufrecht erhalten, die Kleine mit uns dann eben mal länger mit am Tisch sitzt, wenn wir Besuch haben und nicht jeder Tag mit seinen Ritualen gleich ist. Dabei ist sie ein typisches „Mitnahmekind“ und langweilt sich fürchterlich, wenn sie nicht genug Action und Menschen um sich hat :). Wirklich gute Freunde gehen auch mal Kompromisse ein.

  5. Hallo Julie,

    ich finde es toll, dass du so ehrlich darüber schreibst. Auch ich hatte es mir etwas anders vorgestellt, das Leben mit Kind. Ich wollte die Art Mutter sein, die ihr Kind einfach überallhin mitnimmt und ganz natürlich lässig sein. Auch ich wurde mit einem Kind überrascht, das die ersten Wochen unentwegt schrie. Es stellte mein Leben auf den Kopf. Und trotzdem folgte ganz bald Nr. 2. 😉. Ich finde es schade, dass sich Kinderlose nicht besser in ein Leben mit Kindern integrieren lassen. Es wäre doch eine Bereicherung für alle. Und gerade für Mütter ist ein gut funktionierendes soziales Netzwerk so wichtig, das könnte einiges abfedern. Vielleicht interessiert dich mein Artikel „Steinzeiterbe – Warum modernes Muttersein natürlich stresst“: http://www.kraftvollmama.de/steinzeiterbe/

    Alles Liebe
    Lena

    1. Liebe Lena,
      ich finde es unendlich traurig, dass es dir genauso geht wie mir. Eigentlich geht es verdammt vielen Müttern so. Oft ist es einfach ein Geben und Nehmen. Aber meine Kompromissbereitschaft und die Flexibilität sind eben einfach nicht mehr die, die ich ohne Kinder hatte.
      Bei manchen klappt es wunderbar, Kinder und Freundschaften zu kombinieren, bei uns eben weniger.

      Danke für deinen Artikel, ich werde mich gleich mal einlesen.

      Herzliche Grüße

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