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Hast du dein Bestes gegeben? // Unser Umgang mit Schulnoten

Was ich von anderen Eltern oft zum Thema Schule mitbekomme, ist der Notendruck. Vor der Einschulung gibt es zig tausende Übungshefte, damit schon vor der ersten Schulstunde flüssig gelesen und im Hunderterbereich gerechnet wird. Die Kinder müssen möglichst in der 3. Klasse schon einen Einser-Schnitt haben, sind geeicht darauf, neben der Hausaufgabe noch zusätzliche Mathematikaufgaben zu lösen und ganze Bücher zu verschlingen. Naht das Übergangszeugnis (Hier bei uns im ersten Halbjahr der vierten Klasse), werden Nachhilfelehrer und Nachtschichten eingesetzt, dass ja der beste Schulzweig angestrebt werden kann. Der Druck auf die Schüler ist enorm hoch. Wir reden hier übrigens von Kindern und nicht von Maschinen, die funktionieren.

Natürlich ist das ein bisschen überspitzt – wobei es auch wirklich Eltern gibt, die sich so dahinter klemmen -, doch der Umgang mit Schulnoten, diesen Momentaufnahmen der Kinder, schockiert mich immer wieder. Oft hat man das Gefühl, die Kinder müssen auf diese und jene Schule,weil die Außenwirkung ansonsten fatal und das Ansehen der Eltern ruiniert ist. Oder es sind die nicht ausgelebten Lebensträume der Eltern, die sie auf ihre Kinder überstülpen – ob sie wollen oder nicht.

Ich habe mir ja bereits letztes Jahr Gedanken darüber gemacht, wie wir das wohl mit den Noten handhaben werden. Ob wir uns selbst dahinter klemmen, ob wir nur Hilfestellungen geben oder ob die Große sich da selbst durchbeißen muss. Im Endeffekt haben wir uns für einen wirklich – finde ich – guten Mittelweg entschieden. Klar sitze ich bei den Hausaufgaben in greifbarer Nähe, um ihr unter die Arme zu greifen, wenn sie Probleme mit der Aufgabenstellung hat. Ich lerne auch mit ihr gemeinsam die Gedichte auswendig oder zeige ihr im Internet, welche Kinderseiten sich für ihr Referat eignen. Wenn Notizen für einen Test im Hausaufgabenheft stehen, weise ich sie lediglich darauf hin und frage sie, ob sie sich die Seiten schon angesehen hat und mit mir lernen möchte.

Aber ich stehe nicht mit gerümpfter Nase hinter meinem Kind und überprüfe, ob wirklich alles korrekt, formschön und mit Fleißaufgaben erledigt ist. Hier werden auch nicht täglich 20 Minuten Diktat oder zusätzliche Matheaufgaben geübt – außer sie verlangt es (und das ist höchst selten). Wir bauen ab und an Buchstabierspiele in den Alltag ein oder sie rechnet beim Einkauf auf den Cent genau die Gesamtbeträge aus, aber sie darauf ansetzen, dass das Gymnasium auf jeden Fall drin ist? Nein.

Neulich kam die Große dann von der Schule heim, druckste herum und zeigte mir dann mit gesenktem Blick eine Arbeit, die sie zurück bekommen hatte. Sie rechnete mit einem Donnerwetter, denn die anderen Kinder ihrer Klasse erzählten schon ab und an, dass sie ab einer 3 schon daheim zittern müssten. (Das bestätigt auch dieser Artikel >>klick<<. )

Mit meiner Reaktion allerdings hat sie nicht gerechnet. „Hast du denn dein Bestes gegeben?“, fragte ich sie mit einem Lächeln? Sie stutzte erst einmal und musste überlegen. „Ja Mama, ich glaube schon. Ich hab mich schon sehr angestrengt.“, kam dann recht zögerlich und unsicher. „Na, dann ist doch alles in Ordnung, Maus. Wo muss ich unterschreiben?“, war meine Antwort.

Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Sie dachte wirklich, ich schimpfe wegen einer Note. Aber warum denn? Warum muss ich mein Kind, das schon in der Schule und durch die Peergroup so viel Druck erfährt („Welche Note hast du?“ „Ha, ich bin besser!“ „Strengt euch an, nächstes Jahr wird ausgesiebt!“) noch zusätzlich unter Druck setzen? Eine Drei – oder schlechter – bricht ihr nicht das Genick. Das Gefühl, dass die Eltern enttäuscht sind und sie versagt hat, allerdings schon.

Natürlich haben wir noch einmal darüber geredet, dass es für SIE wichtig ist, wie sehr sie sich anstrengt. Denn sie lernt für sich, für ihre Zukunft. Nicht für mich. Und auch nicht für ihren Papa. Noch ist ihr das nicht ganz bewusst. Ich denke, ein Weilchen wird es auch noch dauern. Aber ich möchte, dass sie den Anreiz durch sich selbst hat und nicht, weil ich mit der Peitsche (oder dem Nachhilfelehrer) hinter ihr stehe.

Ob sie jetzt auf die Realschule, das Gymnasium oder die Gesamtschule geht, das sehen wir nächstes Jahr. Aber ich bin mir sicher, sie wird ihren Weg machen. Ohne Druck. Und wenn sie Hilfe braucht, bin ich da. Als Mama, als Erklärbär, als Zuhörerin. Doch mit der Pistole auf der Brust, dass nur der eine Weg richtig sei, wird sie mich hoffentlich nicht erleben.

Heute ist das Schulsystem so durchlässig. Die Laufbahn ist nicht automatisch mit den Schulnoten des Übergangszeugnisses festgesetzt. Und wenn es später „Klick“ macht, stehen ihr noch immer alle Optionen offen.

Nein, im Umgang mit Schulnoten bin ich relativ entspannt. Sicher hoffe ich insgeheim, dass sie gute Noten nachhause bringt. Aber es ist auch kein Beinbruch, wenn Ausreißer dabei sind, solange sie sich angestrengt hat. Solange sie nicht lieblos irgendwas dahin geschmiert hat, damit das Blatt ausgefüllt ist. Äußerer Druck und meine persönlichen Wünsche sind da einfach absolut fehlt am Platz, denn ihr Seelenheil ist mir wichtiger.

Gestern präsentierte die Maus mir dann eine Drei in Deutsch. „Mama, schau mal. Die Zeit war einfach zu knapp und ich wollte doch genau sein.“, sagte sie, ein bisschen enttäuscht von sich selbst. „Na, dann lass uns daran arbeiten, dass du schneller wirst, Maus!“, schmunzelte ich, während ich die Note unterschrieb. Und sie strahlte, weil sie wusste, es ist okay. Sie hatte sich Mühe gegeben. Wenn das eben für diesen Moment das beste Ergebnis war, dann ist das eben so.

Noten dürfen keine Angst machen. 

Ja, Noten sind eine Wertung der Leistung. Aber sie zeigen nur einen minimalen Ausschnitt. Ob sich das Kind angestrengt oder nur dahingeschmiert hat, ob es sich individuell verbessert hat oder gleichgeblieben ist, das zeigen sie nicht.

Und ehrlich, wer sagt mir, dass mein Kind mit einem gedrillten Besuch auf dem Gymnasium glücklicher ist als mit einer selbstgewählten Realschule?

Ich möchte mein Kind stärken, will, dass es vertrauensvoll auf mich zukommt, wenn es Probleme hat und nicht, dass es sich ängstlich verkriecht, weil die Note nicht ins Konzept der Eltern passt. Ich möchte aber auch, dass mein Kind sich in der Schule wohlfühlt und sich nicht durch den Notendruck durchquält, damit ich zufrieden gestellt bin. Dass es Angst hat, mich wegen einer Schulnote zu enttäuschen, das will ich nicht.

Druck erzeugt in den meisten Fällen – nicht nur in der Schule, sondern auch in der Freizeit – nur Blockaden und Angst. Und Angst ist kein guter Lehrer – war es nie. Gerade hat sie das Lesen übrigens für sich entdeckt. Lesen, das wir in den ersten zwei Jahren von der Schule aus üben mussten und sie es deshalb hasste wie die Pest. Es muss eben doch vom Kind ausgehen, um eine positive Wirkung zu erzielen. Ohne Peitsche und ohne Angst.

In ein paar Jahren werden wir sehen, ob wir mit der Entscheidung richtig lagen. Doch es fühlt sich im Moment für uns – die Maus und uns Eltern – richtig an, darauf zu bauen, dass die Anstrengung gewürdigt werden sollte und nicht, welche Zahl auf dem Papier steht.

Die Julie

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6 Comments

  1. Ich musste an meine Schulzeit denken, als ich dein Bericht las. Ich wollte immer für mich selbst die beste Note haben, und Hausaufgaben habe ich selbst gemacht. Meine Mama hat es sich nur angeschaut… ich finde übrigens in der heutigen Zeit die Realschule besser und weniger stressig als ein Gymnasium. Es gibt andere Wege das Abitur zu machen. Ich finde es gut so wie du es machst. Die Kinder sollen ihre Kindheit genießen, so wie wir es durften. Und ja, zwingen tut dem Kind nicht gut…. Druck ist nie gut! Mal sehen wie es bei uns in ein paar Jahren sein wird ?
    Liebe Grüße
    Tanja

    1. Hallo Tanja,
      danke für deinen Kommentar. 🙂
      Ich weiß ehrlich gesagt nicht, welche Schulart ich bevorzuge. Ich glaube, das kommt auch wirklich sehr auf das Kind an. Wenn es wirklich mit 20 Jahren schon komplett sicher weiß, dass es unbedingt Architekt werden will, wäre vielleicht das Abitur am besten. Aber was, wenn es unheimlich gern ein bodenständiges Handwerk erlernen und so schnell wie möglich mit der Schule fertig sein will? Sicher haben wir Eltern das letzte Wort, aber die Schulart muss auch einfach zum Kind und seinen Vorlieben passen, denke ich.

  2. Janina Scharnhorst says:

    Danke für diesen tollen Artikel.
    Meine Große hätte in Kunst das Thema Märchen. Sie mussten einen Schuhkarton kreativ gestalten. Sie hatte sich die Prinzessin auf der Erbse ausgesucht. Am Montag bräuchte sie ihn mit, um ihn zu vollenden.
    Ich sollte ihr hier und da helfen, Tipps geben. Was ich auch tat. Die Gestaltung hat sie komplett alleine gemacht. Einzig die Erbse durfte ich befestigen.
    Sie war so stolz…..
    Und bekam ein 4 dafür und war total deprimiert.
    Und genau das macht mich traurig.
    Ich habe ihr dann erklärt, dass sie auf ihr Werk stolz sein darf, egal welche Note sie dafür bekommen hat. Und das sie soviel mehr Wert ist, als eine behämmerte Note.

    1. Liebe Janina,
      das ist ja gemein. Eine vier für so viel Mühe kann wirklich frustrierend sein. Ich hoffe, sie lässt sich davon nicht entmutigen und geht weiter ihren Weg.

      Liebe Grüße

  3. Naja über einen längeren Zeitraum gesehen, wird sich wohl eh einiges ändern. Ich sehe schwarz für Otto-Normal-Jobs die man mit einem Real- oder Hauptschulabschluss erreichen kann. Ist es schließlich heute schon so das Kinder mit einem klassischen Hauptschulabschluss kaum einen Ausbildungsplatz bekommen. Ich sehe das Dilemma bei meinem Kollegen. Jobs wie Verkäufer (innen), Mechaniker(innen), Busfahrer (innen), Sachbearbeiter (innen) und noch viele Gruppen mehr wird es in langer Zukunft nicht mehr geben. Übernehmen doch schon heute in den Anfängen diese Jobs Machinen und Computer automatisch. Sprich die Zukunft liegt im Ingenieurswesen, in der Informatik und im Sozialwesen. Denn das wird schwierig sein zu ersetzen. Ich kann also verstehen das sich Eltern Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen und dadurch vielleicht bewusst oder unbewusst Druck ausüben.
    Ich selbst gehe manchmal aus dem Raum wenn der Große Hausaufgaben macht, weil ich sonst platzen würde wenn ich ihm zusehe. Wenn er die selben Fehler immer wieder macht, wird meine Geduld an die Grenzen geführt. Ich muss innerlich die Notbremse ziehen und mich zwingen alles den Lehrern zu überlassen in einem System hier in Baden-Württemberg das mich nicht wirklich überzeugt. Wenn ich schon dieses „falsche“ Schreiben nach Gehör sehe. Puh!
    Bei uns gibt es leider (?) keine Noten. Nur zum Zeugnis eine zusammengesetzte Note. Sprich als Eltern haben wir mit wenig gesprächigen Jungs (was Schule angeht) kaum einen Überblick wie das Kind eigentlich steht.
    Das ist nicht schön.
    Ja meine Drei werden ihren Weg gehen, aber eine ordentliche Allgemeinbildung gehört dazu und ich wünsche mir das sie nicht später noch Probleme mit Rechtschreibung und Prozentrechnen haben, wenn sie Erwachsene sind. Ich habe Schüler der 9. Klasse der Gesamtschule hier erlebt die nicht den Preis von 3 Stück Kuchen schnell im Kopf zusammen rechnen konnten und den Pfand abziehen. Denen ich das VORRECHNEN musste. Das ist doch schlimm!

    Also wir versuchen menschenmöglich keinen Druck aufzubauen, doch es fällt brutal schwer.

    Liebe Grüße,
    Anja

    1. Hallo Anja,
      da hast du sicherlich recht, dass einige Berufe aussterben werden. Aber es gibt auch sehr viele Berufe, die einfach nur durch Menschen funktionieren. Wer sonst baut mir die Toilettenschüssel ein oder pflegt mich mit einem Lächeln im Gesicht im Krankenhaus? Und auch sonst werden viele Handwerksberufe weiter existieren, hoffe ich. Allein schon, weil die zwischenmenschliche Komponente unbezahlbar ist.
      Das Schreiben nach Gehör ist hier zum Glück kaum Thema. Und wenn, dann bin ich die doofe Mama, die die Kinder darauf hinweist, dass das Wort anders gehört.
      Ich glaube, ein gesunder Mittelweg zwischen „alles als Eltern an sich reißen“ und „die Kinder machen lassen“ ist da nicht schlecht. Woher sollen denn Kinder Mathematik und Deutsch lernen, wenn das Handy die Worte korrigiert und der Taschenrechner immer griffbereit ist? Da verbauen sich die Schulen und zukünftigen Arbeitgeber unheimlich viel selbst und erziehen zur Unselbstständigkeit, denke ich.
      Dass das Füße still halten leicht ist, hat aber auch keiner behauptet. 🙂

      Alles Liebe, Julie

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