Warum #socialdistancing so wichtig ist und gleichzeitig einsam macht - auch mit Familie im Hintergrund, erzähle ich dir hier.
Gedankenwelt, Life

Warum #socialdistancing wichtig ist und mir gleichzeitig so schwer fällt

Seit einigen Wochen leben wir jetzt mit der Ausgangsbeschränkung und der Hashtag #socialdistancing geht viral. Wir leben mit Homeschooling und mit fast täglichen Pressekonferenzen der Regierung. Wir leben mit Atemschutzmasken und Hefeknappheit. Es herrscht absoluter Ausnahmezustand. Ein Zustand, den ich mir vor ein paar Monaten oder gar Wochen nicht hätte ausmalen können. Seit Wochen habe ich meine Herzmenschen nicht mehr gesehen, keine Umarmung meiner engsten Freunde gehabt oder den direkten Austausch erlebt, ohne über mehrere Meter Entfernung zu rufen.

Seit Wochen haben die Kinder keinen ihrer Freunde getroffen. Der größte Austausch liegt noch bei der Großen dank Lernplattform und Smartphone. Sie hatten seit Wochen keinen Musikunterricht, keine Turnstunde und überhaupt die Möglichkeit, sich aus dem Großfamilienleben aktiv herauszuziehen und Zeit mit Gleichaltrigen zu verbringen. Und sie stecken es verdammt gut weg. Bis jetzt.

Für uns hat die Coronakrise sogar Vorteile. Dieser gesamte Termindruck, dass wir von Pontius zu Pilatus hetzen, Arzttermine wahrnehmen und Schultermine deichseln müssen, fällt weg. Diese Belastung, dass wir uns mindestens vierteilen und dann nochmal zerpflücken sollen, um allen Ansprüchen von außen und innen gerecht zu werden, die ist weg. Unsere Tage laufen strukturiert ab und sind gleichzeitig entspannt. Wir backen viel, wir sind viel an der frischen Luft – ja, die Privilegien eines eigenen Gartens sind nicht von der Hand zu weisen – und wir haben feste Zeiten für schulische Dinge.

Es läuft, auch wenn man es als Außenstehender nicht gern liest, wirklich entspannt ab. Kein Gehetze mehr vom Wecker zum Frühstückstisch zur Schule zum Musikunterricht zum Sporttreff. Dafür Zeit für Bastelarbeiten, zum Schnitzen. Zeit für Gespräche und Brettspiele. Dafür, alle Zimmer nach und nach auf Vordermann zu bringen.

#socialdistancing ist wichtig!

Aber diese Maßnahmen sind eben auch essenziell. Nicht nur für mich und die Kinder. Sie sind für jeden essenziell, dem seine Gesundheit wichtig ist. Für jeden, der andere und sich selbst nicht zusätzlicher Ansteckungsgefahren aussetzen will. Ich habe neulich gelesen (frag mich bitte nicht wo), dass etwa 25-30% der Bevölkerung zur Risikogruppe angehören. Aber nicht nur Personen der Risikogruppe können an Corona sterben, sondern auch sportliche, junge, gesunde Menschen. Menschen ohne Vorerkrankung.

Hier, keine 20 km von uns entfernt, ist ein komplettes Altenheim in einem Ausnahmezustand. Mittlerweile sind schon einige Senioren, aber auch Pfleger an Covid_19 gestorben (Quelle: all-in). Im Krankenhaus 10 Kilometer weiter gibt es mittlerweile auch Todesmeldungen durch Corona.

Je geringer der Personenkreis ist, mit dem wir Berührungspunkte haben – und sei es nur durch den Einkauf – desto geringer ist die Chance, dass wir uns anstecken. Desto größer ist die Chance, dass der Kelch an uns vorüber geht oder uns erreicht, wenn das Virus bereits besser erforscht ist. Und ehrlich, ich möchte mich nicht anstecken. Ich möchte nämlich, nachdem mein Immunsystem eine Katastrophe ist, meine Kinder aufwachsen sehen. Meine Kinder sind mir wichtig, mein Umfeld ist mir wichtig. Eines meiner Kinder hatte ein Loch im Herzen, eines musste im letzten Halbjahr mehrmals Antibiotikum nehmen. Ich mag mir nicht ausmalen, wie wir das Ganze überstehen würden.

Gleichzeitig möchte ich aber auch niemanden selbst anstecken oder als Überträger für andere fungieren. Je mehr wir uns an die Auflagen halten, desto geringer ist die Gefahr.

Diese „Mir wird das schon nicht passieren“-Mentalität und Verharmlosung ist gefährlich!

Allein, wenn ich dran denke, wie viele Menschen das Virus auf die leichte Schulter nehmen, wird mir schlecht. Da steht Krankenhauspersonal, das es eigentlich besser wissen müsste, mit anderen eng auf eng beim Quatschen. Da spielen Kinder ständig mit anderen Kindern und wechseln fröhlich munter durch. Man hat das Gefühl, die Menschen denken, das Dorf wird es schon nicht erreichen. Ihnen passiert schon nix.

Da rutschen einem Leute beim Spazieren gehen auf die Pelle und reagieren erbost, wenn man sie bittet, doch bitte zur Seite zu gehen und Abstand zu halten. Greift ja ins Persönlichkeitsrecht ein, mittig den Weg zu blockieren. Das ist schon wichtig, dass man keinen Zentimeter von seiner gewohnten Route abweicht. Auch nicht mit dem Rad, wenn der Weg 2 Meter breit ist und ich schon in der Wiese stehe.

Ja, da werden sogar Kindergeburtstage in den Friedhof verlegt, weil dort die Polizei nicht kontrolliert. Nein, das ist wirklich kein Witz. Das habe ich gesehen, als ich meinen Opa am Grab besucht habe, weil ich einen stillen Zuhörer brauchte.

Da werden heimlich Familienfeiern gefeiert oder diese offen im Garten ausgetragen, weil: ist ja Familie, auch wenn man sonst nix miteinander am Hut hat. Und es wird damit hausieren gegangen, dass man sich durch seinen Beruf ja eh über kurz oder lang damit ansteckt und das easy durchsteht, weil es in dem Beruf halt um Menschenkontakt geht. Ja danke auch!

Das kleine Corona findet nämlich das Landleben total öde und verzieht sich lieber in die Stadt. Das kleine Corona hat sicher auch so viel Anstand und lässt Kinder und Erwachsene in Ruhe, die doch nur gemeinsam im Garten sitzen und grillen. Es will ja schließlich kein Spielverderber sein. Außerdem sucht es sich eh nur Alte und solche mit Vorerkrankungen aus, um sein Können ganz unter Beweis zu stellen. In Schulen und Kindergärten kommt das kleine Corona übrigens auch ungern, denn es hasst unhygienische Orte.

Einmal Aluhut absetzen bitte!

Die Naivität und die Verschwörungsschwurbelkacke, die ich da teilweise zu sehen und zu lesen bekomme… Ja, Grippe ist kacke. Grippe ist aber erforscht und man kann sich dagegen impfen lassen. Ja, es gibt auch jährlich Grippetote, allerdings ist eine Pandemie mit der Aussicht, dass die Intensivbetten nicht reichen, dann doch ein ganz anderes Kapitel.

Dass man dann aber auch noch der Buhmann ist und angegangen wird, wenn man Kritik übt und sowas auch meldet, geht mir nicht in den Kopf. Da stellt man das persönliche Wohlbefinden und das bewusste Risiko einer Ansteckung und damit Gefährdung anderer über vorausschauendes Handeln und verschiebt einfach mal die Grenzen von richtig und falsch zu seinem Vorteil.

Und leider merken es die meisten dieser ignoranten Menschen erst, wenn sie selbst oder einer ihrer Familie mitten im Mist sitzen und kein Ufer mehr sehen. Das „Ach hätte ich doch“ im Nachhinein bringt keinem was.

Es macht mich wütend, denn #socialdistancing ist wichtig. Verdammt wichtig. Ich verweise wirklich nochmal gern auf maiLab (nein, keine Werbung!), die die Pandemie ganz einfach erklärt und auch aufzeigt, warum es essenziell ist, dass wir uns daran halten.

Unser täglicher Spaziergang durch die Natur, um #socialdistancing erträglicher zu machen

Die Risikogruppe kann man nicht immer sehen

Ich habe eine Freundin, die sportlich, schlank und agil ist. Man sieht es ihr nicht an, aber sie zieht Infektionen magisch an und ist Dauergast beim Arzt aufgrund ihres Immunsystems. Meine Bloggerkollegin Inga Denise gehört aufgrund ihrer Diabetes zur Risikogruppe. Ich bin aufgrund meines Übergewichts schwerer zu beatmen, sollte ich mich anstecken und einen schweren Verlauf haben. Meine Nachbarin hat Asthma, ihr Sohn ebenfalls.

Risikogruppen sind nicht nur alt und offensichtlich krank. Und es sterben nicht nur alte Menschen daran.

Du kannst es also in den meisten Fällen nicht sehen, wenn jemand zur Risikogruppe gehört. Genau deswegen ist es nochmal wichtiger, vorsorglich Abstand zu halten, die Maßnahmen bestmöglich einzuhalten und keine Schlupflöcher zu suchen.

#socialdistancing macht aber auch einsam

Ich kann gar nicht sagen, wie mir meine Freunde fehlen. Wer mich kennt, weiß, dass telefonieren etwas ist, das ich eigentlich äußerst ungern mache und viel Überwindung dazu brauche. Also brauche ich direkten Umgang. Mir fehlt es, face to face meinen Freunden gegenüber zu sitzen. Es fehlt mir wahnsinnig, mich ab und an von meiner Familie abzusondern und mit einer Umarmung einer Freundin abgeholt zu werden. Auch so banale Dinge wie Filmabende oder das gemeinsame Mittagessen mit Herzmenschen fällt aus. Dinge, die mich eigentlich durch den Alltag tragen.

Sonst bin ich kein sonderlich integrierter Mensch, einfach, weil ich vielleicht anders denke, viele unangenehme Dinge anspreche und dann auch die Konsequenzen trage. Mein soziales Umfeld ist recht klein. Umso wichtiger sind mir die Herzmenschen, die sich darin befinden. Und ja, es zehrt an mir. Über Ostern wollte ich ursprünglich zum Beispiel in die Schweiz, zwei mir besonders wichtige Menschen besuchen. Das ging nicht und so schreiben wir eben, tauschen Bilder aus und halten so Kontakt. Aber es ist nicht das gleiche. Es ist distanziert. So wie es sein muss.

Doch genau deshalb, weil mir diese Menschen so sehr am Herzen liegen, halte ich Abstand. Genau deswegen gibt es hier keine Schlupflöcher. Weil ich weder sie noch uns in Gefahr bringen möchte. Das bedeutet aber nicht, dass es einfach ist. Dass es uns nichts ausmacht. Es nagt an mir und ich zähle insgeheim die Tage rückwärts, bis wir uns wieder direkt treffen können. Bis ich meine Freundin in ihrem neuen Haus besuchen darf. Bis ich wieder dieses kleine Bündel Leben von Freunden im Arm halten kann. Die Zeit, bis wir uns wieder in die Arme nehmen können.

Die Kinder verstehen auch, dass sie Abstand halten und niemanden treffen dürfen. Zum Glück haben sie ihre Geschwister. Aber die sind eben nicht die Freunde, die sie aus dem Großfamilienverband fischen und eh immer da.  Nicht nur die Freunde. Auch der ganze Schulbetrieb. Ich finde es richtig und wichtig, dass hier in Bayern die Schulen weiter weitestgehend geschlossen bleiben. Gleichzeitig merke ich aber auch, wie es an den Kindern nagt. Wie sehr sie nach Kontakten außerhalb der Geschwisterblase hecheln.

Ich sehe, wie sie sich streiten, weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Trotz Spaziergängen in der Natur, trotz Garten, trotz der Möglichkeit, sich in unserem Rahmen auszuklinken. Ich merke, wie sehr es sie belastet, dass auch der Schulbetrieb hier nicht weiter geht, weil das Großfamilienleben eben kein so angenehmes Lernumfeld wie die Schule bieten kann. Weil wir eben keine ausgebildeten LehrerInnen sind, auch wenn ich mal Lehramt studiert habe.

Einsam und allein sein, das sind eben zwei Paar Schuhe. Das ist etwas, das nun wahrscheinlich viele lernen. Lernen müssen.

Durch #socialdistancing sieht man aber auch, was plötzlich möglich ist, was zuvor jahrelang abgetan wurde.

Man kann das Ganze auch als Chance sehen. Jetzt hat es funktioniert, binnen weniger Tage Systeme zu entwickeln, wie man die Kinder daheim unterrichten kann, wenn der direkte Unterricht nicht möglich ist.

Die Leute waschen sich mittlerweile auch (zumindest zum Großteil) richtig die Hände. Warum ich das extra erwähne? Man muss nur einmal im Restaurant am Waschbecken stehen und schauen, wie viele Menschen ohne Wasserkontakt direkt von der Toilette wieder an den Tisch laufen. Durch das Virus haben sie Respekt und Hygiene wird plötzlich wichtig.

Aber nicht nur da. Auch Schulen, so weit ich das mitbekommen habe, haben plötzlich wieder volle Seifenspender an den Waschbecken im Klassenzimmer. Zum Teil sogar Desinfektionsmittel. Auch in Kindergärten wird nachgerüstet, was so lange überfällig und „nicht nötig“ war.

Sogar arbeitstechnisch sehe ich einen Wandel. Mittlerweile gibt es so viele Berufe, in denen Homeoffice plötzlich möglich ist. Vor ein paar Wochen noch war das ein Ding der Unmöglichkeit. Plötzlich werden Laptops bereit gestellt, man darf zuhause bleiben und seinen Job vom Küchentisch aus fortführen. Klar sind die Umstände dazu, mit gelangweilten Kindern im Hintergrund, alles andere als ideal. Aber: Der Grundstein ist gelegt. Ich glaube nicht, dass es für die Arbeitgeber so leicht ist, da nochmal komplett zurückzurudern.

Vielleicht merkt man nun auch, dass die Privatisierung und Zusammenlegung sämtlicher Krankenhäuser, die Reduktion an medizinischem und Pflegepersonal nicht ganz so schlau war. Dass Gesundheit nichts ist, mit dem man Gewinn erzielen sollte. Leider sind wir, denke ich, noch weit davon entfernt.

Und doch ist es oft Messen mit zweierlei Maß

Da werden 40.ooo Erntehelfer eingeflogen, weil der gute Spargel nicht verkommen soll. (Quelle: Tagesschau) Klar, der Spargel ist für Spargelbauern essenziell und es hängen einige Existenzen daran. Aber wenn man sieht, wie sie untergebracht werden, dass nicht einmal ein Bruchteil der hygienisch notwendigen Maßnahmen eingehalten werden kann, hat das einen richtig faden Beigeschmack.

Auch in Anbetracht dessen, dass der Spargel so wichtig erscheint, aber man wochenlang diskutiert und debattiert, wie und ob man 50 Kinder aus den schlimmsten Verhältnissen, die man sich vorstellen kann, nämlich aus Moria zu retten. (Quelle: Tagesschau) Inzwischen sind laut NDR 58 unbegleitete Kinder auf dem Weg nach Deutschland. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Mir blutet das Herz, wenn ich daran denke, in welchen Umständen diese Kinder und viele weitere leben mussten und müssen. Aber der Spargel …

#socialdistancing – was ich mir wünsche

Ich würde mir wünschen, dass weniger Menschen auf Schwurbler und Verharmloser (Danke hier übrigens an den herunterspielenden Arzt aus Mindelheim, der Corona als leichte Grippe abtut) Gehör bekommen. Dass die Menschen, die aus dem medizinischen Bereich kommen und so einen Mist verzapfen, ordentlich auf den Deckel und vielleicht sogar ihre Zulassung entzogen bekommen. Denn DAS gefährdet Leben. Dieser Leichtsinn, mit dem sie sich bei vielen um Kopf und Kragen reden. Und man vertraut Ärzten ja dann als Fachkraft doch ein Stück. Verschwörungstheorien und Genexperimente gehören nach Hollywood, aber nicht in die Ohren leichtgläubiger Menschen!

Ich wünsche mir, dass viele dieser Aluhutträger diesen endlich absetzen und sich über echte Fakten und nackte Zahlen informieren. Bevor sie durch einen direkten Kontakt von der Realität eingeholt werden. Dass auch ältere Menschen einsehen, dass das Argument „Ich war schon im Krieg, da kann mir der Virus nichts anhaben!“ endlich ablegen. Ja wirklich, das habe ich schon zu hören bekommen.

Ich wünsche mir, dass wir mit möglichst wenig Schaden davon kommen. Dass diese Zeit des #socialdistancing in den Köpfen unserer Kinder als laaaange Ferien mit Einschränkung angesehen werden und nicht als Zeit der Angst, der Panik und des Zerwürfnisses mit den Eltern.

Auch, dass Freundschaften diese Zeit überstehen, daran wachsen und man nach dieser Zeit – wann auch immer sie enden mag – weiter gehen. Sowohl für die Kinder als auch für mich. Denn Eltern sein bedeutet nicht, dass man nicht auch noch Bedürfnisse außerhalb der Kinderpflege hat.

Und zu guter letzt möchte ich dir noch einmal dieses Video ans Herz legen. Hier erklärt die wichtigste Frau Deutschlands, Physikerin, noch einmal idiotensicher, warum Abstand halten so wichtig ist – auch wenn es schwer fällt. >>HIER ENTLANG<<

Wir halten jedenfalls weiter die Füße still, bleiben von anderen fern und hoffen, dass der Kelch an uns vorüber geht. Obwohl mein Herz nach einer Auszeit schreit. Obwohl ich meine Freunde so vermisse. Weil es wichtig ist. Weil es richtig ist. Und weil wir eine Vorbildfunktion für unsere Kinder haben.

Herzlichst, die Julie

 

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Warum #socialdistancing für uns so wichtig ist und mir als Mama von 5 Kindern gleichzeitig so schwer fällt und einsam macht, kannst du hier nachlesen.

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1 Comment

  1. Ich finde es auch total wichtig, das man diese Distanz hält auch wenn es jetzt schon Lockerungen gibt. Das mit den Alten- und Pflegeheimen kenne ich auch.
    Liebe Grüße
    Luisa

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