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Respektvoller Umgang Fehlanzeige? – Sind die heutigen Kinder wirklich alle schlecht erzogen?

Neulich las ich bei Nathalie von „Eine ganz normale Mama“ einen Gastbeitrag, der mich unheimlich wütend gemacht hat. Nicht nur wütend, sondern ehrlich gesagt auch fassungslos. Eine Dame ließ sich in einem Brief darüber auf, wie rücksichtslos und respektlos die Nachbarskinder seien und man es heutzutage komplett versäumt, Grenzen zu setzen und Rücksicht zu üben.

Aber sind die heutigen Kinder wirklich rücksichtsloser?

Ist das wirklich ein Generationending? Ich glaube nicht. Hier fangen die Nachbarn an, abends Rasen zu mähen, wenn der Rollladen der Kleinsten zum Schlaf herunter geht. Sonntags werden grundsätzlich die Autos gesaugt, wenn man ein paar Minuten Ruhe auf der Terrasse genießen möchte und die meisten heizen durch unsere Siedlung, als müssten sie eine illegale Rallye gewinnen, statt auf die Kinder zu achten. Abends wird dann das Bier auf der Terrasse geköpft und bis in die Nacht unterhalten, während andere dadurch das Fenster nicht öffnen und somit den nötigen Schlaf nicht einhalten können.

Schon in meiner Kindheit haben sich die Nachbarn aufgeregt, wenn der Ball in ihren englischen Rasen flog. Der Kantenschneider morgens um 7 war aber ok. Auch kann ich mich daran erinnern, dass das Nachbarsmädchen damals, als ich Kind war, einfach zu uns in den Garten kam, das Planschbecken kaputt machte, die Himbeeren klaute und dann zu sich in den Garten ging. Darauf angesprochen, wurde von den Eltern eben nur mit der Schulter gezuckt. Geweckt wurde man von Hundegebell vom anderen Ende der Siedlung, weil drei Häuser weiter jemand das Fenster öffnete.

Wenn ich an die Geschichten meines Opas denke, der bei seinem Cousin aufwuchs und regelmäßig in den Wald rannte, damit er nicht mit dem Rohrstock für sein „schlechtes“ Benehmen zu spüren bekam, glaube ich nicht, dass das besser war. Die Kinder wurden nur einfach mit mehr Angst erzogen.

Sogar Sokrates ließ sich schon über die Jugend aus:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.

Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten.

Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Ist Spielplatzlärm störend?

Ehrlich, das war der Punkt, an dem mir die Dame des Gastbeitrags von Nathalie nur noch leid tat. Da werden extra Plätze und Räume geschaffen, in denen sich Kinder (und Erwachsene) austoben können. Rennen, schreien, spielen, KIND SEIN. Und dann ist es auch wieder nicht recht. Wie sollen sich die Kinder denn sonst verhalten? Ihr Backgammon auf den Spielplatz nehmen und sich mit Handzeichen verständigen, damit sich ja niemand gestört fühlt? Warum zur Hölle soll man Kinder die ganze Zeit mäßigen und klein halten? Damit sich die Alten beim kleinsten Huster dennoch gestört fühlen?

Ging die Erwachsenengeneration von heute denn zum Lachen in den Keller, hat niemals Burgfräulein und Drache gespielt oder war He-Man?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Erwachsene einfach gern vergessen, dass sie selbst mal Kind waren. Dass sie selbst vielleicht mal im Wutanfall auf der Straße lagen, weil für sie die Welt schlecht und ungerecht war. Dass sie selbst mal morgens um 7 im Garten getobt und Heuschrecken gesammelt haben, die sie dann natürlich lauthals präsentieren und sich vor Lachen kringeln mussten, wenn Mama sich ekelte.

Oder drehen wir den Spieß mal um!

Stell dir vor, du lebst in der Stadt. Da ist es morgens um 7 auch nicht totenstill. Vielleicht kam um 4 der Notarzt, weil der Nachbar in deinem Hochhaus beinahe am eigenen Erbrochenen erstickt ist. Dafür hättest du Verständnis? Warum dann nicht für das Kind, das nachts nach Mama schreit, weil es sich verschluckt oder Angst hat?

Wenn der direkte Nachbar abends nach Feierabend anfängt zu bohren. Hast du da Verständnis? Schließlich war er ja den ganzen Tag arbeiten. Aber hey, er hätte es auch auf Samstag um 10 legen können. Dass die Kinder, die zum Teil aber ganztags betreut werden, die überschüssige Energie, die sich durch ruhiges Dasitzen in der Schule angesammelt hat, im heimischen Garten auslassen wollen, ist störend? Ernsthaft?

Oder nun ganz überspitzt ausgedrückt: Warum zur Hölle zieht man in ein Wohngebiet mit Familien, wenn man sich von allem und jedem gestört fühlt. Da wäre eine Seniorenresidenz wohl besser. Oder ein Einsiedlerhof. Warum also tut man sich das an, wenn man in Kindern nur Störfaktoren sieht? Das will mir nicht in den Kopf. Wirklich nicht.

Respektvoller Umgang ist keine Einbahnstraße

Ich glaube ehrlich, es erwartet keiner, dass Kinder nonstop grölen dürfen, dass sie sich von morgens bis abends kloppen sollen oder durch ihr Geschrei noch die Nachbarorte erreichen. Kinder dürfen Kinder sein. Sie dürfen lachen, spielen – ja, auch mal laut toben dürfen, ohne dass man ihnen einen Strick daraus dreht. Durch Streit und Diskussionen schulen sie ihre Konfliktfähigkeit, warum also sollte man ihnen diese Möglichkeit nehmen, die sie nun einmal ihr ganzes Leben brauchen?

Aber Kinder müssen auch nicht nachts um 10 noch auf dem Spielplatz toben, im Garten Rambazamba machen oder mit dem Bobbycar ohne Flüsterräder über die Holzdielen im Mehrfamilienhaus fahren. Ruhezeiten, die je nach Wohnort vorgeschrieben sind, sind nicht umsonst da. Und auch sonst nehme ich gern Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer, wenn ich damit meinen Kindern nicht jegliche Möglichkeit abspreche, Kind zu sein.

Ebenso erwarte ich aber auch, dass nicht gebohrt wird, wenn man weiß, dass mein Kind gerade schläft. Dass man in einer Straße, die von Familien mit kleinen Kindern dominiert wird, nicht durchheizt, als müsse man in der Zeit zurück reisen und sich dann beschwert, dass da Kinder mit Straßenkreide entsetzt fluchend am Rand stehen. Ebenso erwarte ich auch, dass mir kein Strick daraus gedreht wird, wenn das Kind die 5. Nacht in Folge weint, weil der Zahn nicht durchbrechen mag. So viel Verständnis wie für den Nachbarn (fiktives Beispiel), der jede Nacht mit seiner Liebschaft in Honolulu skyped.

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Da fällt mir noch ein tolles Beispiel zu ein:

Als die Große unterwegs war, zogen wir von unserer Studentenbude in eine kleine Wohnung im Mehrfamilienhaus. Sie hatte anfangs extreme Probleme, sich anzupassen und weinte viel. Als sie dann mal schlief, wurde während der WM morgens um 3 am Metallgeländer eines Balkons eine Fahne angeschraubt. Wir saßen zu dritt senkrecht im Bett. Rücksicht? Kam erst, als ich nach mehrmaligem Bitten auf ein Ende mit der Polizei drohte.

Wenig später schlief die Maus in ihrem eigenen Zimmer. Sie wurde immer zur gleichen Zeit panisch schreiend wach und wir wussten nicht weiter, bis der Herzmann einfach bei ihr drüben schlief. Das Ende vom Lied? Die Nachbarn hatten ihr Bett genau an der Wand zu unserem Kinderzimmer. Jede Nacht zur gleichen Zeit ging es dort so heiß her, dass deren Bett mit voller Wucht an die Wand knallte und es sich anhörte, als würde man Ratten frittieren. Immer nur 2-3 Minuten, dann war der Spuk vorbei. Das reichte aber, um mein Kind total zu verstören. Aufgehört hatte es dann, nachdem ich einen Brief einwarf und sie bat, ihre nächtlichen Aktivitäten auf kinderfreundliche Zeiten zu legen.

Rücksichtslosigkeit ist kein Generationenproblem sondern wird vorgelebt

Ich hatte es vor geraumer Zeit schon einmal geschrieben und meiner Wut Luft gemacht. Nicht die Kinder sind das Problem, sondern die Eltern. Durch diese werden von Generation zu Generation so viele Verhaltensmuster vorgelebt und dadurch weitergegeben. Kinder sind nicht von Grund auf böse, schlecht oder gar egoistisch. Sie schauen sich das ab.

Wie will man von einem Kind erwarten, dass es Rücksicht ausübt, wenn die egozentrischen Eltern genau das Gegenteil leben, obwohl der Mund etwas anderes spricht? Wie soll ich meinen Kindern vermitteln, dass Schlagen, Beleidigen und dergleichen schlecht ist, wenn es mich hintenrum lästern hört oder sieht, wie ich dem Geschwister auf die Finger klopfe? Das funktioniert nicht.

Respektvoller Umgang ist etwas, das vorgelebt werden muss. Der Satz, der mir dabei unheimlich weiterhalf war der Satz „Das Kind handelt NICHT gegen dich, sondern für sich!“ . Kinder, besonders kleinere, handeln nicht, um uns Erwachsene zu ärgern, sondern, um ihre Wünsche durchzusetzen. Erst nach und nach lernen sie, zurückzustecken und andere Bedürfnisse als vielleicht sogar ebenbürtig anzusehen.

Und dann lohnt sich noch der Blick hinter die Fassade!

Weißt du, wie oft die Mama, deren Kinder morgens um 7 schon im Garten toben, nachts heraus musste und die Kinder aus Selbstschutz, weil sie sonst gemein und ungerecht würde, einfach nach draußen schickt, um sich zu sammeln? Weißt du, wie viele Tränen das Kind, das gerade lauthals alles auf dem Spielplatz herausbrüllt, in der Schule vergossen hat, weil es sich ungerecht behandelt fühlte und nun ein Ventil sucht? Oder hast du mitbekommen, dass die Eltern der beiden Kinder, die sich seit Stunden mit Schimpfwörtern battlen, mit ihrem Latein am Ende sind und irgendwann einfach nur noch hoffen, dass es auf Dauer langweilig wird?

Oft kennt man die Hintergründe nicht – aber zu urteilen ist verdammt einfach. Vor der eigenen Haustüre zu kehren dagegen nicht.

Die Julie

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