Wenn der Arbeitgeber auch nach schwerer Krankheit kündigt, statt ein Fangnetz zu bieten, wird es schwierig für Eltern. Die Macht des Arbeitgebers und die Verzweiflung arbeitender Mamas und Papas im Großfamilienblog bei Puddingklecks
Gastbeitrag, Gedankenwelt, Life

Das „M“ in „Arbeit“ steht für Menschlichkeit

Heute habe ich einen Gastbeitrag für dich, der es in sich hat. Und uns mal wieder vor Augen hält, wie viel Macht Arbeitgeber haben. Wie sehr vor allem Mütter darunter leiden, obwohl sie sich aufopfern und sich krank zur Arbeit schleppen. C. möchte anonym bleiben, was ich absolut respektiere und verstehen kann. Und dennoch möchte sie über die Misstände berichten, die sie so sehr beschäftigen.

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Warum gehen Menschen krank zur Arbeit, anstatt sich auszukurieren? Warum schicken sie ihre Kinder krank in den Kindergarten, anstatt mit dem armen Wurm zuhause zu bleiben?

Diese und andere Fragen sind immer wieder Gegenstand der Entrüstung in Zeitungsartikeln, Facebook-Posts und Tweets. Ich möchte euch nun eine Geschichte erzählen, die ich kürzlich erlebt habe.

Vorab: Ich habe einen guten Arbeitgeber. Gerade für Eltern, die flexible Zeiten brauchen, ist es dort ideal. Vieles läuft nicht rund und vielleicht auch einiges krumm, aber muss man seine Arbeitszeit aufgrund einer veränderten Betreuungssituation anpassen (z.B. Übergang Kindergarten zu Schule), geht dies meist schnell und unkompliziert. Auch Überstunden werden lückenlos aufgezeichnet und dürfen – nein, MÜSSEN – als Freizeitausgleich genommen werden, es sei denn, man hat sich entschieden, sie sich auszahlen zu lassen.

Dies ist nicht selbstverständlich, wie ich aus eigener leidvoller Erfahrung weiß. Soweit, so gut.

Nur 10 Tage

Nun hieß es im „Flurfunk“ (heißt: unter Kollegen, ohne offizielle Bestätigung der Leitung) immer wieder, man dürfe aber nur 10 Tage pro Vertragsjahr krank sein. 10 Tage. Das sind 2 Wochen. Zwei mal 5 Tage. Eltern dürfen noch 10 Tage dazurechnen und sich „kindkrank“ schreiben lassen, die Kosten für diese ausgefallenen Arbeitstage trägt in der Regel die Krankenkasse.

10 Tage. Eltern werden das wissen, sind verflucht wenig das ist! Aber es sind ja keine Unmenschen hier, dachte ich mir. Und wie oft wurde seitens der Leitung bereits betont, krank sei krank, man solle sich doch bitte auskurieren und nicht auch noch die Kollegen anstecken.

10 Tage. Das wird sich wohl eher auf die beziehen, die gern mal montags ihr Wochenende auskurieren oder die AU als eine Art Urlaubsschein sehen, dachte ich. Ich selbst bin hingegen mit einem ungeheuren Pflichtbewusstsein gesegnet, ich leide selbst krank unter schlechtem Gewissen und bleibe normalerweise nur mit Kopf unter dem Arm daheim im Bett.

10 Tage. Das wird so ein „Angstmach-Richtwert“ sein, damit man nicht wegen jedem eingerissenen Fingernagel daheim bleibt, dachte ich. Ein Schnupfen macht ja nicht gleich bettlägerig.

10 Tage. Solange man ansonsten ordentlich arbeitet, wenig Fehler macht und pflichtbewusst und zuverlässig ist, wird das schon nicht zutreffen, dachte ich.

Wo geht’s denn hier zur Menschlichkeit? 

Dann „erwischte“ es eine Kollegin. Eine fleißige, pflichtbewusste, hart arbeitende, intelligente, engagierte und sorgfältige Frau, Mutter zweier Kleinkinder. Sie war auf einmal nicht mehr da, einige Wochen bevor der Übergang in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis stattfinden sollte.

Sie war nicht etwa im Urlaub, sie war krank. Gute drei Wochen lang. Bei einer Routine-Untersuchung war der Verdacht aufgekommen, sie könne Krebs haben. Ihre Welt brach zusammen. Die Kinder! Die Familie! Die Arbeit! Der Vertrag! Wie sie mir erzählte, stand sie in diesen Wochen unfassbare Angst aus. Todesangst. Und sie ordnete ihre Prioritäten neu. „Am Ende zählen meine Kinder und meine Familie und nichts anderes“, sagte sie zu mir mit noch immer bebender Stimme. „Aber ich hoffe trotzdem, dass ich übernommen werde, ich brauche den Job.“

Der Krebs war am Ende keiner – Gott sei Dank. Krank war sie jedoch trotzdem drei Wochen lang, denn sie hatte sich einer OP unterziehen müssen. Sie ging offen damit um und solle sich keine Sorgen machen, hörte sie von „oben“.

Sorry, 10 Tage, ne?!

Aber dann war sie plötzlich wieder weg. Ich dachte an Urlaub, Rückfall, Versetzung in eine andere Abteilung… doch nein. Ihr Zeitvertrag war ausgelaufen, die beinahe schon versprochene Übernahme fand nicht statt.

Frei nach dem Motto: „Hey, kein Krebs! Glückwunsch! Leider warst du zu lange krank, sorry, du musst dir was Neues suchen. Aber sieh es positiv. Kein Krebs!“

Und ja. Der Grund war nicht, dass sie schlecht gearbeitet hatte. Der Grund war, dass sie länger als 10 Tage krank gewesen war. Woher ich das weiß? Das berichtet der Flurfunk (allerdings aus gut unterrichteter Quelle).

Ich persönlich war in diesem Vertragsjahr nun bereits 11 Tage krank – und ich habe noch 8 Monate vor mir. Mit Kindern in Kindergarten und Schule. Eltern wissen, was das heißt.

Ich fragte inoffiziell, was ich denn machen solle, wenn ich noch eine Chance auf Übernahme haben möchte, jetzt, da sich mein Immunsystem doch echt mal schwer zusammenreißen muss.

Und wisst ihr was? Ich hab doch Überstunden. Die soll ich nehmen, wenn ich krank werde.

Das „M“ in „Arbeit“ steht für Menschlichkeit

Dies ist nur ein exemplarisches Beispiel. Ich weiß, dass es vielen so geht. Und darum schleppen sich Kolleginnen zur Arbeit, die vor Fieber kaum aus den Augen schauen können. Ihr Immunsystem hat sich nicht an die 10 Tage gehalten. Darum bringen Eltern ihre Kinder verrotzt in den Kindergarten – die 10 Kinderkrank-Tage sind bereits weg, Mutter Natur hielt sich einfach nicht an den Arbeitsplan.

Alle Arbeit, alle Kür, alles Engagement zählt nicht, wenn ihr die Zeiten nicht einhaltet.

Und ich? Ich werde weiterhin nicht krank zur Arbeit gehen. Sehr wahrscheinlich stehe ich dann im September ohne Job da. Aber gesund. Wenn ich mich aufreibe und nicht auskuriere, dann riskiere ich meine Gesundheit und das Ergebnis ist beinahe dasselbe: Dann stehe ich im September ohne Job da. Aber dann auch noch krank.

So kann jedoch leider nicht jede/r denken. Ich habe ein sicheres Netz aus Familie, Nachbarn und Freunden, das mich auffängt. Gesund oder krank, Job oder nicht. Aber es gibt viele, die haben diesen Luxus nicht.

Es gibt natürlich auch viele Arbeitgeber, bei denen das anders ist, aber ich kenne leider auch zahlreiche negative Beispiele. Wie dieses. Ich verstehe, dafür reicht mein Business-Basis-Wissen, tatsächlich auch die Arbeitgeber. Trotzdem muss eine menschlichere Lösung gefunden werden. Flächendeckend, überall. Für jeden. Besonders für die, die allein, ohne Netz und doppelten Boden dastehen.

Denn das sind die, die am Ende dafür bezahlen, dass im Wort „Arbeit“ gar kein „M“ vorkommt.

*****

Ergeht es dir auch so? Was kannst du zu deinem Arbeitsleben berichten? Hast du dich auch schon krank zur Arbeit geschleppt? Ich würde mich freuen, wenn auch du deine Erfahrungen mit uns teilst!

Herzlichst, die Julie

 

Weitere Beiträge zur Gedankenwelt als Eltern findest du hier. Viel Spaß beim Stöbern.

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4 Comments

  1. Moin MOin,
    Schöner Beitrag. Ich bin eine von denen, die sich gnadenlos ärgert, wenn jemand krank zur Arbeit geht (oder zur Kita geschickt wird). Denn ich bin auch die, die jedesmal angesteckt wird (oder die Kinder. Und das läuft aufs gleiche raus). Ich weiß auch um die Angst im Job, ich habe selbst einen guten Job genau deswegen verloren. Wir bekamen einen neuen Chef, und der wollte Budget sparen. Ich wurde gerade nach Krankheit wieder eingegliedert, konnte nur 3 Stunden täglich arbeiten. Dann wurde mir die Hölle heißgemacht, Anwalt, Verhandlung usw. Das ist schon einige Jahre her und ich kenne die Angst. Ich hatte da keinen Partner, der mich hätte auffangen können. Allerdings hat sich meine Einstellung bis heute nicht geändert: Richtig krank zur Arbeit oder Kinder in Kiga, das ist rücksichtslos. Der obige Fall ist furchtbar und ungerecht. Wäre der Vertrag fest, könnte man klagen. Aber so, so ist das schwierig. Was mir damals half: Ich wusste, ich finde wieder einen Job, wenn ich eben auch bereit wäre, dafür umzuziehen. Auch das ist sicher nicht für jeden machbar, dennoch sollte einem die eigene Gesundheit wichtiger sein. Und wenn das so eine grottige Firma ist, sollte man sich woanders umschauen. Bewerbung pimpen, aktiv werden auf Jobbörsen und Netzwerken. Ich habe über XING bestimmt 30 Anfragen erhalten. Ich wünsche der Gastschreiberin, dass sie einen besseren Arbeitgeber findet und vor allem viel Gesundheit. LG Victoria

    1. Manche Arbeitgeber sind aber auch mistig. Und Festverträge sind in vielen Branchen quasi ein 6er im Lotto. Leider. Umso besser, dass du deinen Weg gegangen bist und dich von diesem Chef befreit hast. Vielleicht klappt das für die Gastautorin ja auch. Ich wünsche es ihr jedenfalls von Herzen.

  2. Frau Katze says:

    Ist das überhaupt rechtens, dass ein Unternehmen dich nur 10 Tage krank sein lässt (+ nochmal 10 Tage wenn die Kinder krank sind)? Soweit ich weiß, darf ein Unternehmen gar nichts machen, wenn du ne AU-Bescheinigung bringst. Der Arbeitgeber muss sogar bis zu 6 Wochen dein Gehalt weiter bezahlen, bevor du Krankengeld erhältst. Klar, dass er dann halt immer noch das Ass im Ärmel hat und dich dann immer noch ziehen lassen kann, weil du nur einen befristeten Job hast und unter den genannten Gründen keinen unbefristeten Vertrag bekommen wirst. Ich würde mir da ernsthaft überlegen, ob ich mir nicht woanders nen Job suche – denn es gibt sie, die Unternehmen die solche Spielchen nicht spielen!

    1. Genau das ist ja das Problem. In so vielen Branchen gibt es einfach nur noch Zeitverträge. Da ist man darauf angewiesen, so wenig wie möglich krank zu sein, weil man sonst ersetzt wird. Und in manchen Gegenden sind Jobs einfach rar gesät. Leider. Vor allem, wenn man Kinder hat.

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