Kindern vertrauen und zutrauen. Gar nicht so einfach oder? Aber das kann man lernen. Vielleicht nur langsam, vielleicht nur Stück für Stück. Aber das Strahlen in den Augen der Kinder, wenn sie etwas selbst und ohne Hilfe erklommen haben, bestärkt.
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Kindern vertrauen und zutrauen // mehr Freiheiten auf dem Spielplatz

Eigentlich befinde ich mich, seit ich Kinder habe, immer wieder in dieser Situation. Wir sind auf dem Spielplatz und die Kinder spielen, toben, testen ihre Möglichkeiten und Grenzen aus. Und andere Eltern greifen ein, wollen miterziehen und schützen, wo es nichts zu schützen gibt. Aber warum? Warum greifen andere Eltern meinen Kindern an den Po, um zu „helfen“? Wieso vertrauen sie den Eltern – mir – und den Kindern so wenig, dass die körperlichen Möglichkeiten sicher eingeschätzt werden? Oder ist das das fehlende Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten?

Gestern zum Beispiel

Gestern kletterte der Frosch auf dem Spielplatz, während ich keine 3 Meter weiter auf einer Parkbank saß. Panisch lief eine mir völlig fremde Mutter zu meinem Kind und wollte es dort herunter holen. Der Frosch wird drei, ist nicht mehr klein und ich war in greifbarer Nähe. Und natürlich fand er es total doof, dass da ein wildfremder Mensch meinte, ihn am Beinchen ziehen zu wollen und trat dann nach dieser Frau, weil er sich eben auch in der Höhe (nicht einmal zwei Meter) absichern wollte. Ich lief also auf die Frau zu und sagte nur ruhig „Er kann das schon.“. Daraufhin wurde die Frau schnippisch und fragte „Woher wollen Sie das denn wissen? Er ist doch noch klein!“.

Ja, woher soll ich es wissen, wenn ich meinem Kind nicht vertraue, wenn ich von klein auf eingreife, bevor mein Kind seine körperlichen Grenzen absteckt?

Woher soll ich wissen, dass er spielend leicht die Hängebrücke überwindet und an der Feuerwehrstange herunterrutschen kann, wenn ich ihn immer und immer wieder ausbremse, aus gut gemeintem aber falsch interpretierten Schutzmaßnahmen? Oder andersrum: Warum darf ich meinem Kind denn nicht zutrauen, dass es Hindernisse überwindet und über sich hinauswächst? Muss ich unbedingt meine Ängste auf das Kind projezieren oder darf mein Kind auch eigene Erfahrungen machen? Und warum überschreitet man als Erwachsener eigentlich wie selbstverständlich persönliche Grenzen von Heranwachsenden, nur weil man es vermeintlich besser weiß?

Die Große hätte nie gelernt, wie man Waveboard fährt oder die Fahnenstange hochklettert, wenn ich sie nicht gelassen hätte. Sie hätte sich nie zugetraut, an der Reckstange zu turnen, hätte ich ihr immer wieder eingeredet, sie könne das nicht. Sie lief mit 9 Monaten. Ja hätte ich sie wieder auf den Hosenboden setzen sollen und sagen, dass es zu unsicher ist und sie noch drei Monate warten soll? Klar gab es blaue Flecke und Tränen. Man lernt eben mit der Zeit. Aber das gehört dazu.

Wenn ich von vornherein Dinge für mein Kind ausschließe, weil es diese „nicht kann“, ja, wie will es dann erfahren, dass es über sich hinauswächst?

Ich finde es so verdammt wichtig, dass Kinder fallen, lernen aufzustehen und weiterzumachen. Es ist so verdammt wichtig, dass Kinder lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Ob sie sich nun blöd auf den Po setzen, wenn sie zu schnell gerutscht sind oder mal vom Laufrad plumpsen – es gehört dazu. Bei vielen Dingen macht es einfach die Übung. Und Selbstvertrauen. Doch das muss auch vorgelebt und vermittelt werden.

Es kommt so oft vor, dass kleine Knirpse nach den Eltern schreien. Weil sie es schon so intus haben, dass Papa die Hand beim rutschen hält, Mama mit durch das Babyspielgerät krabbelt und man nur angeschnallt schaukeln darf. Mir fällt es so oft auf, dass gerade die Kinder dieser Eltern mit eigentlich positiver Absicht sich so dermaßen wenig zutrauen, dass es mir schon ein wenig leid tut. Die Frustrationstoleranz ist dort oft auch einfach so niedrig, weil die Eltern alles abnehmen, was eine Hürde darstellen könnte.

Kindern vertrauen und Fehler zulassen

Gerade kleinere Kinder haben noch ein sehr gutes Gespür, was sie alles schaffen. Ob das das Hüpfen über die Pfütze oder der Balancierakt auf dem Randstein ist. Da, finde ich, sollte man sich einfach manchmal hinterfragen. Hinterfragen, ob die Ängste berechtigt sind. Ob es wirklich nötig ist das Kind auszubremsen. Ist es wirklich so dramatisch, wenn sich das Kind von der zweiten Stufe des Klettergerüsts auf den Po setzt? Geht die Welt unter, wenn das Kind ermuntert wird, noch einen Schritt weiter zu gehen, statt von einem Erwachsenen einfach aus der Situation genommen zu werden?

Und auch bei fremden Kindern gilt, zu hinterfragen, ob man da nicht einfach seinen Willen überstülpt oder ob das Einschreiten wirklich nötig ist. In den wenigsten Fällen würde mir einfallen, ein fremdes Kind einfach anzufassen, um es auf dem Spielplatz aus einer vermeintlichen Gefahrensituation zu holen. Ich frage eigentlich immer vorher, ob das mir fremde Kind Hilfe möchte, bevor ich ihm vom Spielturm helfe.

Unterscheiden zwischen „ich brauche Hilfe“ und „ich will deine Aufmerksamkeit“

Ich lasse meine Kinder nicht links liegen, bitte nicht falsch verstehen. Aber ich greife nur ein, wenn ich von ihnen dazu aufgefordert werde oder wirkliche Gefahr besteht. Oft frage ich auch einfach, ob ich helfen darf. Und auch der Kleinste sagt klipp und klar, dass er etwas alleine kann oder ruft, wenn er Hilfe braucht. Und in den meisten Fällen kann er das, was er da macht auch wirklich alleine und kommt freudestrahlend und stolz auf mich zugerannt, wenn er seine sich selbst auferlegte Kletteraufgabe geschafft hat.

Dann gibt es solche Tage, da steht dieser kleine Mann auf der Rutsche und ruft nach mir, weil er aufgefangen werden möchte. Ich soll ihn anschaukeln, obwohl er das eigentlich schon selbst kann oder er will in meine Arme springen, nachdem er die ganze Leiter selbstständig nach oben geklettert ist. Hierbei geht es vordergründig um Nähe, um Spaß, um qualitative Zeit, die verbindet.

Aber es ist eben ein Unterschied, ob mein Kind wirklich Hilfe möchte und braucht oder ob es einfach Spaß am gemeinsamen Toben hat. Und beide Male verweigere ich mich nicht, sondern helfe oder tobe mit. Aber ich zwänge keine Hilfe auf, wenn sie nicht eingefordert wird oder nötig ist.

Und so stand ich gestern unter dem Klettergerüst

Ich stand da und erklärte dieser Frau, dass ich meinem Kind und seinen Fähigkeiten vertraue. Und dass sie es wohl auch nicht toll fände, würde ich sie am Po über die Straße schieben, weil es dann schneller ginge. Ob das zwei verschiedene Paar Schuhe sind? Ich denke nicht. Denn beide Male werden Grenzen überschritten, das Selbstbewusstsein, die Eigenständigkeit untergraben und suggeriert, dass man etwas nicht gebacken bekommt.

Und so saß ich auch heute auf einer Bank am Spielplatz und schaute den Kindern zu und genoss ihre Freiheit, zu toben, zu turnen und die Grenzen ihres Könnens zu erfahren. Und als der Zwerg mich rief, damit ich ihn bis zum Himmel anschupse, lief ich los. Der Frosch landete einmal unsanft im Sand. Er war einfach zu flott auf der Rutsche unterwegs. Wie reagierte er? Er stand wieder auf, klopfte sich den Sandpopo ab, brabbelte etwas von „zu schnell“ und „Rennfahrer“, lachte und lief wieder zur Treppe, die nach oben führte.

Es ist okay zu fallen

Man darf mal auf dem Po landen, man darf aufgeschürfte Knie haben und man darf sich auch selbst eingestehen, dass etwas noch geübt werden muss. Es ist okay, sich Blessuren zuzuziehen, auch wenn diese nicht toll aussehen. Das gehört zum Kindsein dazu, wie in Pfützen hüpfen und Schneeengel im Winter. Es ist nichts schlimmes, daran wächst man.

Statt einem „hab ich es dir doch gleich gesagt“ hilft da wunderbar ein „und was möchtest du nächstes Mal anders machen?“. Voller Inbrunst und einem Lächeln ein „diesmal schaffst du es aber!“ dem Kind entgegen schicken hat doch gleich eine völlig andere und positivere Wertung als „hättest du mal auf mich gehört“ oder „das ist einfach zu schwer für dich!“.

Kindern vertrauen und zutrauen

Gar nicht so einfach oder? Aber das kann man lernen. Vielleicht nur langsam, vielleicht nur Stück für Stück. Aber das Strahlen in den Augen der Kinder, wenn sie etwas selbst und ohne Hilfe erklommen haben, bestärkt. Und ehrlich, diese Freiheit, auf der Bank ein paar Meter weiter sitzen und den Kindern zuwinken zu dürfen, das ist toll. Das Gefühl, dass diese kleinen Menschen ihren Körper genau kennen und wissen, was sie sich selbst zutrauen, das wünsche ich jedem Kind und allen Eltern.

Herzlichst, die Julie

Kindern vertrauen und zutrauen. Gar nicht so einfach oder? Aber das kann man lernen. Vielleicht nur langsam, vielleicht nur Stück für Stück. Aber das Strahlen in den Augen der Kinder, wenn sie etwas selbst und ohne Hilfe erklommen haben, bestärkt.

 

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2 Comments

  1. Alexandra says:

    Wunderbar geschrieben und sehr wahr, liebe Grüße Alexandra mit Julia, die zur Zeit stolz Schorf am linken Knie trägt von verschiedenen Kletterversuchen und seeeeehhr schnellem Rennen

    1. Liebe Alexandra,
      vielen Dank für deine Rückmeldung. 🙂 Der Schorf wird irgendwann abfallen, die Erfahrungswerte bleiben. Und wer weiß, vielleicht rennt sie das nächste Mal noch schneller – ohne Unfall. =)

      Herzliche Grüße

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