Verwandt? Ja! – Familie? Nein!

Manchmal gibt es Menschen, die zählt man zur Familie, obwohl das Erbgut unterschiedlicher nicht sein könnte. Man hat die gleichen Interessen, blickt in die gleiche Richtung und fühlt sich einfach angekommen. Das sind die Menschen, mit denen ich mich am liebsten umgebe. Sie sind freiwillig da, meinetwegen. Einfach so.

Und dann gibt es da noch Menschen, mit denen ich laut Gesetz verwandt bin. Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, an einem Tisch saß und gemeinsam in den Urlaub fuhr. Doch uns verbindet nichts außer der gemeinsame Genpool.

Seit ich denken kann, verbinde ich die tollsten Erlebnisse mit meinen Großeltern. Sie waren bis zuletzt mein Dreh- und Angelpunkt, mein Halt, mein Zuhause. Meine Großeltern gaben mir Halt, stärkten mir den Rücken, waren da. Auch bis zuletzt nahm mein Opa am gemeinsamen Leben teil, saß mit meinen Kindern auf dem Fußboden und spielte und erfüllte mich damit mit Dankbarkeit und Liebe. Diese Zeit war für mich sehr einprägsam und ich zehre bis heute noch davon.

Wer mich privat kennt, weiß aber, ich bin weder bei meinen Großeltern aufgewachsen, noch bin ich ein Einzelkind. Ich habe einen jüngeren Bruder. Zumindest wird es so bezeichnet, wenn es um die Verwandtschaftsverhältnisse geht. Wir hatten nie viel gemeinsam. Außer die gleichen Eltern. Nachdem ich wohl recht schnell unterwegs war, brauchte es länger, bis sich mein Bruder auf den Weg machte. Etwa zwei Jahre, erzählte meine Mama einmal. Und genau das merkte man auch. Ich merkte das.

Wenn man bedenkt, dass wir beide die gleichen Eltern haben, hätte die Erziehung nicht unterschiedlicher laufen können. Ich wurde streng erzogen. Ich war ein sehr eifersüchtiges Kind, war neidisch auf die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, auf die Freiheiten, die ich nie hatte, auf die Nähe, die er bekam. Dementsprechend schottete ich mich ab, war bis ins Erwachsenenalter lieber bei Freunden als daheim. Denn dort war mein Bruder. Dieser Mensch, dem man alles durchgehen lassen hat.

Er schlug mich? Das war eben das Echo, weil ich ja auch gemein zu ihm war. Meine erste große Liebe bekam sogar einmal Hausverbot, weil er dazwischen ging, als dieser Mensch mich wieder vermöbeln wollte. Man hatte ihn ja gewaltvoll in seine Schranken gewiesen.

Er kam zu spät zum Essen, setzte sich in Unterhosen am Sonntag an den Tisch mit Gästen und sagte „Was is’n das für’n Fraß!“ und ging Es war okay. Er versagte gänzlich in der Schule und musste wechseln? Völlig in Ordnung, während meine Leistung auf dem Gymnasium nicht gut genug war.

Mein erstes Handy musste ich mir vom Taschengeld zusammensparen, denn so einen modernen Quatsch kauft man nicht. Mir wurde damals aber auch versichert, würde mein Bruder auf die Idee kommen, so etwas zu wollen, müsse er es selbst zahlen – bis er es im selben Alter einfach geschenkt bekam. Das Geld für den Führerschein erarbeitete ich in zwei Jahren neben der Schule, weil ich das schon selbst finanzieren müsse. Meinem Bruder wollte man diese Umstände nicht zumuten, da er ja schon genug um die Ohren hatte. Es wurde dann einfach aus den Ersparnissen gezahlt.

Das Fahrrad – mein perfektes Fahrrad, zur Firmung ausgesucht – wurde ungefragt genommen und im Suff geklaut. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich könne ja das alte Rad meiner Mama nehmen, während er seines ja geschützt im Radschuppen hatte stehen lassen. Als er mein Zelt von Kühen zerfressen ließ – wer bitte zeltet auf einer Kuhweide?! – kam nur, ich würde es eh nicht nutzen.

Je älter mein Bruder wurde, desto bewusster und mehr nutzte er diese Narrenfreiheit aus. Einmal sollte ich ihn in den Nachbarort fahren, weil er sich dort mit einem Freund treffen wollte. Auf dem Weg dorthin beschimpfte er mich so wüst, dass ich ihn einen Kilometer davor aus meinem Auto warf. Man kann sich ausmalen, welches Donnerwetter mich daheim erwartete, weil der 14 Jährige, der mich zuvor als Schlampe und Missgeburt betitelt hatte, erst den Kilometer zu seinem Freund und dann die 5 Kilometer wieder heim laufen musste.

Kindereien? Ja, vielleicht. Es hat mir auch – finanziell – nie an etwas gefehlt. Wenn ich etwas wirklich brauchte, wurde es gezahlt. Aber wie fühlt sich ein Kind, dessen eigene Bedürfnisse und Wünsche immer hintenan gestellt werden? Dessen Meinung und körperliche Unversehrtheit weniger wert ist als die des Bruders? Meine Eltern hatten mir immer wieder gesagt, dass sie uns gleich behandelten. Vielleicht glaubten sie das auch. Unterschwellig war es anders. Vielleicht waren sie auch einfach nur überfordert mit einem so fordernden Kind wie mir. Man weiß es nicht.

Mein Auszug war ein Befreiungsschlag für mich. Je länger ich dort raus war, desto mehr merkte ich, wie ich mich von meinem Bruder und seinen Verhaltensweisen, aber auch von meinen Eltern distanzierte, da sein Verhalten nicht nur geduldet, sondern auch noch unterstützt wurde.

Zu unser standesamtlichen Hochzeit lud ich explizit nur meine Eltern ein. Mein Bruder war aber dennoch wie selbstverständlich dabei. So selbstverständlich, dass der Kuchen am Nachmittag noch nicht richtig auf dem Tisch stand und sie aufbrechen mussten, weil ER noch eine wichtige Verabredung mit Freunden hatte. Das gleiche Spiel war am ersten Geburtstag der Großen, zu dem er ebenso nicht eingeladen war.

Den absoluten Vogel schoss dieser Mensch zu meiner kirchlichen Hochzeit ab. Er wurde uneingeladen mitgebracht, Den ganzen Abend saß er am Tisch, kippte sich einen Schnaps nach dem anderen hinter die Binde oder stand beim Rauchen draußen. Als ich ihn irgendwann entnervt von seinem Gelalle und Verhalten ansprach, kam nur „Was soll man denn auf so ner kack Veranstaltung umgeben von Vollidioten tun, außer sich zu besaufen?!“

Ein Herzchen oder?

Das war der Punkt, an dem ich meinen Eltern klipp und klar sagte, dass es mir reicht. Dass ich diesen unerzogenen, in mir Aggressionen hervorrufenden, Menschen nicht in meiner Wohnung, meiner Umgebung oder auch nur im Gespräch erwähnt haben möchte. Es krachte gewaltig. Mein Bruder gewann, der Kontakt zu meinen Eltern war für drei Jahre gekappt.

Nach dem Tod meines Opas näherten wir uns langsam wieder an. Unter der Bedingung, dass mein Bruder keine Rolle spielt. Jedoch habe ich heute noch immer das Gefühl, das finanzielle Spritzen mit Zuneigung verwechselt werden, wir eher Ballast als Familie sind. Denn egal, wie sehr ich versuche, sie mit einzubeziehen, sie blocken ab. Es gibt immer wichtiger Dinge als mich. Als ihre Enkelkinder.

Einmal war ich seitdem unangemeldet bei meinen Eltern, weil ich ihnen eine Überraschung machen wollte. Geöffnet hat mir mein Bruder, der noch immer dort in seinem Kinderzimmer wohnt. Er drehte sich um, baute sich auf und schrie mich an „Verpiss dich aus meinem Haus, du Schlampe!“.

Ich ging, rief meine Eltern auf dem Handy an und erzählte ihnen, was ihr Sohn soeben zu mir gesagt hatte. Es wurde übergangen, unter den Tisch gekehrt und schnell das Thema gewechselt. Aus Scham? Ich weiß es nicht. Doch es hat mich verletzt, dass nach all den Jahren noch immer so wenig für mich eingestanden wird und so viele boshafte Dinge von ihm heruntergespielt und toleriert werden. Ein weiterer Teil in mir brach durch diese Reaktion.

Neulich sah ich diesen Menschen dann im Supermarkt vor mir an der Kasse stehen. Er kaufte Bier und Zigaretten. Als er mich sah, fing er zu lachen an und tuschelte mit seiner Begleitung. In diesem Moment wurde mir wieder klar, warum ich mich von ihm, seinem Verhalten und seinen Ansichten distanziert hatte. Ich habe abgeschlossen mit diesem Menschen, abgeschlossen damit, auch bei meinen Eltern den gleichen Stellenwert wie er zu erbetteln.

Heute habe ich selbst eine Familie. Vier Kinder, vier Geschwister, vier verschiedene Charaktere. Meine Familie. Ich möchte keinen Tyrannen, der rücksichtslos schlechtes Verhalten an den Tag legt. Und ich gebe mir Mühe, dass unsere Kinder nicht zu kurz kommen. Auch emotional. Jedes Kind und seine Bedürfnisse sind genauso viel wert wie meine oder die der Geschwister. Ohne wenn und aber. Ohne Rücksicht auf den Start ins Leben. Und ich nehme es sehr ernst, wenn eines der vier Wunder zu mir kommt und mir zuflüstert, es hätte gern mehr Nähe, Zeit, Zuneigung. Es wird aber auch ernst genommen, wenn sich ein Kind so daneben benimmt, dass es die anderen dadurch verletzt. Emotional UND körperlich. Dafür habe ich zu sorgen, das ist mein Job, meine Aufgabe. Punkt.

Denn dass irgendwann so ein selbstverherrlichender und asozialer Mensch aus einem meiner Kinder wird, ist mein größter Albtraum.

Meine Kinder, mein Mann – das ist meine Familie. Das sind die Menschen, an denen mein ganzes Herz hängt. Dieser eine Mensch, dessen Eltern wir uns teilen, den zähle ich nicht dazu. Und das werde ich auch nie.

Die Julie

4 Comments on “Verwandt? Ja! – Familie? Nein!”

  1. Hui, ich bin etwas sprachlos. Bei der Ankündigung des Beitrags habe ich nicht geahnt, dass es so heftig ist. Ich sortiere auch Leute aus, aber wenn ich lese, wie man mit Dir umgeht und das immer schon. Unfassbar. Und unheimlich traurig und unfair und gemein. Ich kann es nicht verstehen, wie Eure Eltern es so haben kommen lassen. Einzig positiv ist, was Du für Dich und Eure Kinder daraus gelernt hast, das ist wertvoll. Liebe Grüße

    1. Weißt du, ich glaube, meinen Eltern ist das bis heute nicht so bewusst. Sicher habe ich es immer wieder angeschnitten, aber es drang nicht durch. Meinen Eltern selbst gebe ich auch ehrlich wenig schuld daran. Mein Bruder ist derjenige, der die Elternliebe rücksichtslos ausnutzt und zu seinen Gunsten dreht.
      Ich hoffe nur, ich als Mama bin irgendwann reflektiert genug, dass das hier nicht genauso passiert.

  2. ach es ist so traurig, in wie vielen familien es solche situationen gibt. warum etwas so kommt und sich entwickelt, es ist von außen kaum zu sagen und von innen vermutlich ebenso schwer. manchmal nützt es nichts und den kontakt abzubrechen ist das einzig heilsame, das man tun kann. auch wenn es schmerzt – es schmerzt weniger, als sich das immer und immer wieder vor augen zu führen.

    1. Ich glaube, der Kontaktabbruch damals war nicht schlecht.
      Wir kommen heute wieder sehr gut miteinander klar – solange ich keine Erwartungen stelle. Und da ich nun weiß, worauf ich mich einlasse und dass sie es nicht böse meinen, lebt es sich wirklich leichter.
      Es ist toll, wenn sie da sind, aber es klappt auch ohne. 🙂

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