Gedankenwelt, Life

Unfalltrauma – als Ersthelfer vor Ort

Manchmal, da denkt man, man hat etwas verarbeitet, obwohl dem nicht so ist. So geht es mir mit einem Ereignis, das nun schon bald elf Jahre der Vergangenheit angehört. Und dennoch wirft es mich immer wieder aus der Bahn. Unverhofft. Einfach so.

Neulich fuhr ich vom Wocheneinkauf zurück. Mitten im Dorf kam mir ein Krankenwagen mit Martinshorn und Blaulicht entgegen, also fuhr ich direkt beiseite, damit er so schnell wie möglich an sein Ziel kommt. Und während ich halb auf dem Fußweg stand, merkte ich, wie ich zitterte und mir Tränen über die Wangen liefen. Wieder war ich vor blanker Angst und Panik gelähmt, obwohl es mich nicht einmal selbst betraf oder ich wusste, warum der Krankenwagen unterwegs war.

Allein, wenn ich nur daran denke, oder, wie jetzt, diese Zeilen schreibe, sitze ich da und zittere und habe ein mulmiges Gefühl.

Die Vorgeschichte

Vor rund elf Jahren war ich mit einer Freundin in der Stadt unterwegs. Dort war ein großes Fest und ich verteilte Flyer für eine Beach Party. Während ich an der Straße entlang ging und eben diese verteilte, verwechselte ein alter Mann im Kreisverkehr Gas und Bremse. Er hatte den Wagen nicht mehr unter Kontrolle und raste direkt auf eine fünfköpfige Familie zu, die gerade zu diesem Zeitpunkt die Straße überquerte.

Die Mutter, die scheinbar eines der drei Kinder, ein kleines Mädchen, auf dem Arm hielt, wurde mit diesem auf die eine Straßenseite geschleudert. Der Vater flog mit den anderen beiden, die in einem Leiterwagen saßen, auf die andere.

Und ich stand da und musste reagieren. Musste agieren und helfen. Während die anderen Passanten nur herum standen und starrten, schrie ich, dass jemand gefälligst den Notarzt rufen solle und rannte zu dem kleinen Mädchen und ihrer Mutter, um etwas zu tun. Irgendwas. Nur nicht einfach zusehen.

Ein Mann wollte das Mädchen reanimieren, jedoch hätte er die kleine Lunge zum Platzen gebracht und ich musste ihn ausbremsen. Gleichzeitig versuchte ich, den Puls beim Mäuschen zu spüren, während ich den blutüberströmten Kopf der Mama hielt und ihr wippend immer wieder zuflüsterte, dass alles gut wird und ich da bin. Solange ich dort half, war mein Herz ausgeschaltet. Ich funktionierte und agierte.

Als die Rettungskräfte und die Polizei eintrafen, rannte ich weg. Ich musste weg. Weg von diesem Ort. Weg von den grausamen Minuten. Weg von den Bildern, die sich unauslöschlich eingebrannt hatten. Alles brach über mir ein. Irgendwann saß ich einfach nur noch zusammengekauert auf dem Boden. Ich weinte und schrie und schluchzte. Es musste raus.

Danach

Am nächsten Tag ging ich zur Polizei, weil ich erfahren hatte, dass man nach mir sucht, weil ich eine Aussage zu machen hätte. Auch zur Seelsorge ging ich ein paar Male und erzählte wieder und wieder unter Tränen, was passiert war und wie es mir damit ging.

Auf die unzähligen Anfragen im Krankenhaus, wie es der Familie geht, wurde nicht reagiert. Ich sei keine Verwandte und habe kein Recht auf eine Auskunft. Dabei wäre das so wichtig für mich gewesen, damit abzuschließen. Was aus dem kleinen Mädchen geworden ist? Ich weiß es nicht.  Die Gewissheit, richtig oder falsch gehandelt zu haben, fehlt mir. Diese Ungewissheit lässt mich das Kapitel nicht beenden.

Bis heute, sobald das Martinshorn zu hören ist, verfalle ich in eine Schockstarre. Ich bekomme unbegründete Angst, zittere, weine, kann meine Gefühle kaum kontrollieren und sehe dieses Mädchen vor mir liegen. Jedes einzelne Mal.

Und heute habe ich selbst Kinder. Dass das noch einmal mehr Kopfkino auslöst, brauche ich nicht zu erwähnen. Dass ich deswegen noch pedantischer bin, was (Verkehrs-)Regeln angeht, wohl auch nicht. Vielleicht, irgendwann, kann ich das Unfalltrauma aufarbeiten. Vielleicht auch mit Hilfe. Denn ich möchte nicht weiter gelähmt sein, sondern einfach dankbar, dass es uns gut geht.

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9 Comments

  1. Hallo liebe Julie,

    danke für Deinen Beitrag. Mir geht es ähnlich wie Dir. Bei uns ist das jetzt 7 Jahre her, daß ein „junger Wilder“ mit seinem Überholmanöver sich selbst, zwei Freunde und vier weitere Personen zum Teil schwer verletzt hat.

    Hätte mein Mann damals nicht so reagiert, wie er es getan hat, dann wären wir und unser Sohn, der damals 7 war, ebenfalls Unfallopfer geworden. So wurde unser Auto nur durch herumfliegende Teile beschädigt und zerkratzt und unsere Reifen waren aufgrund Ausweichmanöver kaputt.

    Damals ging es mir wie Dir. Ich habe nur reagiert. Die Rettung gerufen und dann meinen Mann und andere Helfer unterstützt, so gut es ging. Nebenbei immer wieder darauf geachtet, daß mein Sohn auch tatsächlich sicher in unserem Auto bleibt.

    Ich weiß nicht, ob ich alles richtig gemacht habe, aber ich habe geholfen, so gut ich es konnte.

    Und auch Du hast es. Du hast alles richtig gemacht! Du hast das gemacht, was wichtig war. Da bin ich mir sicher!

    Was wäre, wenn die Frau oder das Mädchen verstorben wären? Du würdest Dir deshalb unnötig Gedanken machen und immer denken, ob du doch was anders hättest machen können.

    Auch wir haben nie erfahren, was aus den sieben Menschen wurde, obwohl wir selbst Geschädigte waren und unsere Aussagen machen mußten. Ich denke da auch oft noch dran und würde mich freuen, zu wissen, wie es ihnen geht. Oder zumindest damals ging.

    Gleichzeitig bin ich froh, daß man mir diese Aussage verweigert hat, da ich mir unweigerlich noch mehr Gedanken dazu machen würde.

    Ganz wirst Du das nie vergessen können. Vermutlich auch nicht, durch therapeutische Hilfe.

    Aber das Reden und Schreiben darüber hilft schon.

    Ich schicke Dir liebe Grüße
    Sandra

    1. Vielen lieben Dank für deine Worte und deinen Bericht. Das war sicherlich auch sehr schlimm für dich, direkt vor Ort gewesen zu sein. Wie dein Sohn das miterlebt hat, mag ich mir gar nicht vorstellen.

      So wie du habe ich das noch gar nicht gesehen. Vielleicht ist es wirklich besser, ich weiß nicht, wie es ausging.

      Ich wünsche dir ebenso viel Kraft.
      Ganz viele Grüße

  2. Danke für den Beitrag!
    Ich habe einige Freunde die im Rettungsdienst arbeiten und die im Zweifelsfall nach dem Absetzen im Krankenhaus auch nicht mehr mitbekommen, wie es denn nun ausgegangen ist – je nachdem was vorgefallen ist, macht man sich da wirklich ewig Gedanken drüber. Vor allem weil man ja wirklich hofft, das alles in Ordnung gekommen ist! Kann das auf jeden Fall sehr gut nachvollziehen! Ich hoffe aber für dich, dass du in Zukunft etwas besser damit leben lernst, vergessen wird man sowas wohl nie ganz *drück*
    Liebe Grüße,

    1. Das wusste ich nicht, dass nicht einmal die Leute vom Rettungsdienst informiert werden, wie es ausging.
      Zum Glück leben wir ländlich und das Martinshorn erklingt hier nicht allzu oft, als dass es mich triggert.
      Vielen Dank für deine Worte, liebe Daniela.

      Liebe Grüße

  3. Alleine deine Erzählungen zu lesen lassen mich erschauern, ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es dir ergangen ist, dass alles hautnah mit zu erleben. 🙁 Und es ist nur verständlich, dass du Antworten auf die Frage, wie es den Betroffenen geht wolltest.
    Definitiv war es sehr wichtig und vor allem auch mutig, dass du zur Seelsorge gegangen bist. Niemand soll mit solchen Bildern alleine bleiben. 🙁

    Vielleicht ist es wirklich noch eine Idee das Trauma noch einmal durchzuarbeiten um es besser abschließen zu können. Vergessen kann man solche Bilder wohl nicht. 🙁

    Alle Liebe,
    Lara

    1. Liebe Lara,
      danke für deine Worte. Ohne Seelsorger hätte ich wohl noch mehr daran zu knabbern. Es gibt einfach Dinge, die muss man nicht erlebt haben. Dieses Ereignis gehört dazu.

      Vergessen möchte ich auch nicht. Aber leichter damit umgehen können. Das wäre schon mal ein Anfang.

      Liebe Grüße

  4. Ich war gestern mit meinem Freund und drei anderen Ersthelfer bei einem schweren Verkehrsunfall; einer der Beteiligten ist direkt gestorben. Als ich gemerkt habe, dass die anderen sich kümmern, bin ich zusammengeklappt. Ich wollte einfach nur weg, aber konnte nirgendwo hin. Das alles ist so laut in meinem Kopf…die Hupe des komplett zerstörten Autos, die Sirene, die nach Absetzen des Notrufs anging (wir leben hier ländlich und wenn was passiert geht diese riesige Sirene an – ihr versteht sicher was ich meine…)

    Ich hatte in diesem Moment tausende Gedanken. Habe gehofft, dass er noch lebt. Habe das Warndreieck aufgestellt und danach in das Waldstück gestarrt, wo ein Reifen lag und habe die ganze Zeit zu meinem Freund gesagt, dass dir unbedingt den Reifen holen müssen, weil der Mann den braucht. Das hat für mich Sinn ergeben.

    Ich habe das Auto zuerst nicht wahrgenommen, erst beim aussteigen und dieser Hupe…und dann dazu diese Stille, obwohl alles laut war… als die Einsatzkräfte nach nichtmal drei Minuten da waren, habe ich meinen Freund nur noch angefleht mit mir weit weg zu fahren. Direkt als wir losgefahren sind, haben sie angefangen, den Mann aus dem Auto zu holen. Ich dachte die ganze Zeit „wenn ich morgen weiß dass er noch lebt, schicke ich Blumen ins Krankenhaus und dann schließe ich damit ab“. Drei Stunden später wusste ich, dass er die ganze Zeit über schon nicht mehr gelebt hat.

    Und jetzt kommen die ganzen was wäre wenn Fragen. Um 16:50 Uhr war der Unfall, um 16:51 Uhr, kurz vor der Unfallstelle, habe ich einen Freund Bilder über WhatsApp geschickt. Um 16:53 Uhr haben mein Freund und ich den Krankenwagen gerufen. Es sind grad mal drei Minuten gewesen. Vorher habe ich im Schnee Pfotenabdrücke fotografiert. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wären wir drei Minuten früher an der Stelle gewesen. Der Mann war 28 – was wäre wenn er einfach langsamer gefahren wäre? Warum war er überhaupt so schnell? Hätten wir mehr machen können, wenn wir zwei Minuten früher gewesen wären? Warum sterben Menschen einfach? Wieso hat an der Stelle niemand die Straße von Eis befreit?

    Es sind tausend Fragen, die nie jemand beantworten wird. Und alles wir mir angeboten wurde sind Beruhigungsmittel. Ich will doch nur mit jemandem darüber reden, damit es mich nicht weiter auffrisst… ?

  5. Hallo Neko,
    das ist unheimlich einschneidend und grausam, was du da erleben musstest. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es dir geht.
    Wende dich am besten direkt an Caritas oder das rote Kreuz oder auch den vor Ort vorhandenen Pfarrer (auch wenn du nicht gläubig bist). Das sind gute Anlaufstellen, die dir, aber auch deinem Freund, weiterhelfen und sich um dein Seelenheil kümmern können.
    Du bist mit diesem Erlebten nicht allein.

    Ich wünsche dir alle Kraft dieser Welt.

    Herzliche Grüße

  6. Hallo liebe Julie, liebe Leute, ich bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen auf der Suche nach einer spezifischen Info zum Thema Traumatisierungen. Google hat das wohl merkwürdig verlinkt. Egal.
    Eure Berichte und Euer Erfahrungsaustausch haben mich sehr bestürzt. Ich bin EMDR-Coach und Traumatherapeut, und kann Euch nur sagen: diese Leiden müsst Ihr nicht ertragen! Derartige Traumatisierungen können je nach Schweregrad teilweise in nur wenigen EMDR-Sitzungen behoben werden. EMDR ist eine weltweit anerkannte Traumatherapieform, die primär von Ärzten und eingeschränkt auch von Coaches erfolgreich eingesetzt wird. Bitte informiert Euch bei Wikipedia etc. darüber. Es lohnt sich auf jeden Fall.
    Viele Grüße und Euch allen alles Gute!
    Frank

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