Die Trauer kommt in Wellen
Ich weiß gar nicht, wo ich so richtig anfangen soll. Darf man Trauer empfinden für jemanden, mit dem man keinen Kontakt hatte? Mit dem man vielleicht nicht einmal richtig klar kam?
Letzte Woche Mittwoch habe ich erfahren, dass jemand gestorben ist, der eine ziemlich lange Zeit meiner Kindheit in meinem Leben war. Wir waren im gleichen Kindergarten, haben gemeinsam die Grundschule besucht. Und auch, als wir dann auf verschiedene weiterführende Schulen gingen, trafen wir uns immer wieder durch gemeinsame Freundschaften. Bis ich fortzog, studierte, meine Familie gründete und sich alles verlief.
Unsere Leben berührten sich selten. Ich sah ihn ab und an, wenn er seine Mama besuchte. Oder wenn wir zufällig in der gleichen Stadt waren. Manchmal sprach ich mit meiner Freundin über ihn. Über ihn und die Liebe zu seiner Frau und seinem Kind. Wir mochten uns nicht sonderlich, waren uns in so ziemlich allem uneinig. Und dennoch hatte ich größten Respekt dafür, was er aus seinem Leben gemacht hatte und wie sehr er seine Familie auf Händen trug.
Die Nachricht von seinem Ableben traf mich absolut unvorbereitet. Einen Tag nach seiner Beerdigung. Weil er für mich der Inbegriff des Lebemannes war. Immer auf der Überholspur, immer laut und das Leben liebend.
Und während ich noch ganz gefasst mit meiner Freundin telefonierte, die mir die Information überbracht hatte, brach ich abends zusammen. Weil es langsam, Tröpfchen für Tröpfchen, in mein Bewusstsein sickerte. Er ist weg. Nicht mehr da. Ich konnte mich nicht verabschieden und hätte seine Mama so gern auf diesem schweren Weg begleitet.
Ich mag mir nicht ausmalen, wie es ihr geht. Auch, wie es seiner Frau und Tochter gehen muss. Der Schmerz ist sicherlich unermesslich. Gerade deswegen frage ich mich: Ist es okay, Trauer zu empfinden, auch wenn man sich nicht mochte? Ich weiß, alle Gefühle sind valide. Doch, ist es nicht heuchlerisch?
In manchen Stunden bin ich voll okay damit, in anderen Momenten überrollt es mich. Ein Teil meiner Kindheit ist gestorben. Eine Mama hat ihr Kind verloren. Eine Frau ihren Mann. Und ein Kind seinen Vater. Der Schmerz ist da und flammt immer wieder auf.
Ich werde noch ein bisschen brauchen, bevor dies alles sich gesetzt hat. Bevor ich wieder gänzlich zur Ruhe komme. Bevor der Alltag wieder genügend Raum einnimmt und diese Trauer, wenn auch nur unterschwellig, nachlässt. Seine letzte Ruhestätte möchte ich noch besuchen. Mich von ihm verabschieden.
Der Familie habe ich eine Trauerkarte zukommen lassen, auch wenn meine Worte sicherlich nicht im Ansatz Frieden schenken können. Und doch wünsche ich ihnen, dass sie irgendwann ihren Frieden damit machen können. Mit dem viel zu frühen Verlust und der riesigen Lücke, die dieser hinterlässt.
Heute hättest du Geburtstag. Heute wärst du 39 Jahre alt geworden. Nach all der Zeit habe ich dieses Datum noch immer fest im Kopf. Ich werde heute das Glas für dich erheben. Ruhe in Frieden. Ich hoffe, da wo du jetzt bist, geht es dir gut.
Julie
4 Kommentare
Anja
Hallo Julie
Mein Beilied. Natürlich darfst du Trauer empfinden, auch wenn ihr euch nicht besonders mochtet. Schließlich ist ein Mensch gestorben, den du kanntest. Ich bin bei dem Thema aber auch sehr emotional.
Ich weiß noch, wie ein früherer Nachbar gestorben ist und ich tagelang brauchte, um zu verstehen, was passiert war.
Es war für mich unheimlich schwer, obwohl ich ihn kaum kannte und eigentlich auch nicht mochte.
Allein die Vorstellung, wie es passiert ist, und dass er nicht mehr da ist, hat mich verrückt gemacht.
Der Tod kommt manchmal ganz unvorbereitet, und das ist für mich das Schlimmste. Sich nicht verabschieden zu können.
Dass wir alle einmal dran sind, ist leider Fakt, aber wenn ein Mensch ganz plötzlich verschwindet, reißt es einem den Boden unter den Füßen weg.
Julie
Hach du lieber Mensch, danke! Genau so ist es. Man wird einfach komplett damit konfrontiert, dass wir alle endlich sind. Und dass dieser Mensch so plötzlich weg ist, kommt da noch dazu.
Anne
Das tut mir sehr leid zu hören. Und ja, auch wenn ihr nicht dicke Freunde wart, ist deine Trauer absolut berechtigt. Mag sein, dass er keine „aktive Lücke“ in deinem Alltag hinterlässt – nicht so wie jemand, mit dem du tagtäglich zu tun hast. Aber dennoch sind eure Lebenswege ein ganzes Stück weit gemeinsam verlaufen, sind er und seine Familie ein Teil deiner Lebensgeschichte. Dass so ein Mensch plötzlich einfach nicht mehr da ist, ist heftig. Und ja, das darf aufwühlen und weh tun. Weil uns das menschlich macht. <3
Julie
Liebe Anne,
ich danke dir für deine Worte. Danke, dass du so empathisch geschrieben hast! Das tat gut zu lesen.