Hier berichtet Julie, Mama von 6 Kindern von ihren Erfahrungen mit dem Schüleraustausch und der Bereicherung durch den Austauschschüler
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Familie auf Zeit – wir geben das erste Mal einem Austauschschüler ein Zuhause

Manchmal erschließen sich neue Lebenssituationen, die so nicht auf der Bucketlist stehen. Zum Beispiel durch eine Zusage für einen Austauschschüler von einem anderen Kontinent, nachdem eines der Kinder sich spontan für einen Platz beworben hatte. Und nun ist es so. Temporär, für ein paar Wochen, haben wir ein Kind – einen Teenager – in unserem Zuhause, das sich hier zurechtfinden muss und gleichzeitig eine neue Familienkonstellation lieben lernt.

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Kulturen, Sprachen, Gewohnheiten haben alle etwas gemeinsam – wir sind Menschen, die sie ausleben

Als die Zusage für unser Austauschkind kam und wir erfuhren, wer für etwa drei Wochen bei uns leben wird, waren wir natürlich gespannt. Neugierig und gespannt. Aber vor allem erfreut. Denn diese Möglichkeit, die sich für unsere Kinder und dieses Kind bieten würde, sind einfach einmalig. Und so haben wir ein Zimmer geräumt, geputzt, als würde das Haus zum Verkauf angeboten und sämtliche (vegane) Leckereien aus der Gegend gekauft, damit die Ankunft und der damit verbundene Start in die gemeinsame Zeit möglichst entspannt und positiv verläuft.

Natürlich hatten wir Sorgen, ob er sich hier wohlfühlen würde, ob die Kinder miteinander klar kommen und wie das Zusammenleben aussehen würde. Auch der Elternabend mit der Schule, der uns darauf vorbereiten sollte, war nicht so ergiebig wie gehofft.

Und dann kam der Tag der Tage und am Bahnhof erwartete uns mit einiger Verspätung (wer hätte das anders bei der DB erwartet…) ein aufgeweckter Teenager, der freudestrahlend auf uns zukam. Dadurch, dass eine deutsche Schule besucht wird, gab es zum Glück keinerlei Sprachbarrieren und die Kinder haben ihn direkt ins Herz geschlossen. Noch mehr, als er für jedes Kind ein Kuscheltier auspackte. Ja, was soll ich sagen? Wir sind bestechlich. Übrigens auch mit wunderbar duftendem Kaffee aus Costa Rica. 

Mittlerweile ist D. seit einer Woche bei uns. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, alles lief bisher reibungslos und glatt. Hier treffen einfach verschiedene Kulturen und Gewohnheiten aufeinander. Ein Austauschschüler, dessen Kindheit sehr behütet war und der nun die Freiheiten hier genießt und unsere Kinder, die sich oftmals wundern, wie sehr sich unser temporäres siebtes Kind über die Bewältigung kleiner Dinge, wie eine Fahrradtour über 10 Kilometer, freut. Und während wir hier oftmals durchgetaktet bis ins letzte Detail sind, wirft er uns immer wieder aus dem Plan, indem er spontan umentscheidet, was er (mit seinen Klassenkamerad*innen, die ebenfalls hier sind) unternimmt. 

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Familie auf Zeit

Ich glaube, das ist das, was wir hier gerade sind. Seine Familie auf Zeit. Wir stehen morgens gemeinsam auf, unser Austauschkind bekommt wie jedes andere auch seine Brotzeit mit zur Schule und den Ausflügen, wir waschen Wäsche, erleben den Alltag und bereichern uns durch Austausch von Erfahrungen, Einblicke in verschiedene Lebensweisen und Vertrauen.

Für uns war es definitiv die richtige Entscheidung, einem Austauschschüler einen Platz zu bieten, von dem aus es unsere Gegend, die Sprache, die Geschichte und auch die Eigenheiten erkunden kann. (Hier war uns das Geschlecht übrigens vollkommen wumpe.) Denn hier wächst nicht nur D. über sich hinaus, sondern auch wir. Diese Familie auf Zeit ist für uns alle bereichernd und schön. Auch, wenn das Bad nun noch häufiger blockiert ist und meine Zeit im Auto sich drastisch erhöht hat. 

Wir haben das Glück, einen total mit sich zufriedenen Teenager, der vielleicht noch ein paar Anstupser braucht, um komplett aus sich herauszukommen, bei uns wohnen lassen zu dürfen. Und ich hoffe für ihn und uns und unsere Kinder, dass die Erinnerungen, die er hier sammelt, sich im Nachgang wie eine warme Umarmung anfühlen. Dass er weiß, sollte er das Bedürfnis verspüren, einmal wieder nach Deutschland reisen zu wollen, hier gibt es ein Bett, hier gibt es immer einen freien Platz am Tisch. Dass die Kinder in Kontakt bleiben, miteinander und aneinander wachsen und voneinander und vom Austausch profitieren.

Ich bin jedenfalls sehr dankbar, dass wir alle diese Erfahrung mit unserem Austauschschüler machen dürfen. Und ich hoffe, dass dies nicht das letzte Mal sein wird. Weil genau solche Erlebnisse Vorurteile abbauen, den Blick über den Tellerrand stärken und Kinder zu weltoffenen toleranten Menschen mitprägen. Weil fremde Menschen, Kulturen und Gewohnheiten nichts sind, wovor man Angst haben muss. Aber als Bereicherung angesehen werden können. Und weil ein Miteinander auf Basis von Respekt und Liebe so viel mehr Wert ist als Angst und Hass. 

Lieber D., wenn du das liest: Du bist hier willkommen. Immer. Deine Gastmama.

 

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2 Kommentare

  • Mesalunita

    Ach ist das süß geschrieben! Ich hoffe wirklich, dass er das liest, wenn nicht jetzt, dann vielleicht irgendwann.
    Ich hatte bisher immer respekt vor solchen Austausch geschichten. Aber auch weil uns bisher nur Menschen im Studienalter angeboten wurden. Das passte immer nicht so zu unseren kleineren Kindern. Wenn es denn dann also bei uns mal so weit sein sollte, bin ich gespannt, wo die „Reise“ hingeht.

    Viel Spaß euch noch mit D.!

    • Julie

      Ach du lieber Mensch! Danke für diesen tollen Kommentar. Wir hatten ehrlicherweise auch höllischen Respekt davor und sind jetzt sehr froh, den Schritt gewagt zu haben. Hier passt es aber auch vom Alter her wirklich super und das ist ein sehr großer Bonus.
      Ich bin mir sicher, wenn es bei euch so weit ist, wird das ebenso klasse und bereichernd =)

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