Selbstbewusstsein durch Hobbies? Nur ohne Zwang!

Kürzlich verfolgte ich eine interessante Debatte in einem  Elternforum. Eine Mama wollte wissen, welchen Sport man ihrem Spross schmackhaft machen kann. Der Junge sei, was theoretische Kompetenzen anging, wirklich gut, sozial aber nicht so integriert, wie sie sich das wünschte. Außerdem erhoffte sie sich, wenn sie ihn zu einem Teamsport überreden würde, dass er sich mehr Selbstbewusstsein aneignen und nicht mehr das Fähnlein im Wind sein würde.

Das brachte mich zum Nachdenken. Denn, ganz klar, Mannschaftssport fördert in der Regel den Teamgeist, das Selbstbewusstsein und die sozialen Einbindungen. Aber eben nur, wenn das Kind das auch wirklich machen möchte. Und nicht, weil Mama oder Papa es dazu überreden.

Meine Mädels machen ja auch ziemlich viel Sport. Da wäre das Gardetraining, dann der Turnverein, außerdem gehen wir oft schwimmen, wandern durch die Wälder und fahren Inliner und Waveboard. Die beiden wissen, sie haben die Wahl, welche Hobbies sie ausüben möchten. Wichtig hierbei ist mir nur, dass das vorher gut überlegt ist.

Würden wir einen Erwachsenen überreden, etwas zu tun, wobei er sich nicht wohl fühlt?

Wohl eher nicht, oder? Warum versucht man das dann aber mit einem Kind? Wenn die Stärken und die Passion doch ganz woanders liegen, zieht das Kind doch kein Selbstbewusstsein daraus, „übergangen“ etwas ausprobieren zu müssen. Vielmehr schmälert es doch das Selbstwertgefühl, wenn man notgedrungen das macht, was die Mama sich da eben aussucht, obwohl man vielleicht einfach in einem ganz anderen Bereich sein Glück findet.

Manche Kinder sind gern im Verein eingebunden, gehen darin auf, mit anderen Sport zu treiben und freuen sich schon Stunden vorher auf die Turnhalle, den Bolzplatz oder den Tanzsaal. Andere sind eben ein bisschen mehr in sich gekehrt, brauchen nur eine handvoll wichtige Bezugspersonen – in dem Fall vom Elternforum waren dies die Eltern – und sind mit sich im Reinen, wenn eine dieser Personen sich mit ihnen auseinander setzt. Was ist nun richtig? Und gibt es ein „Falsch“? Muss deswegen eines besser als das andere sein?

Ich erlebe es hier ganz oft. Die Prinzessin, zum Beispiel, ist ein Kind, das wunderbar stundenlang alleine in ihrem Zimmer spielen kann, ohne sich auch nur zu vergewissern, dass wir noch da sind. Sie taucht in ihre Welt ein und braucht niemanden um sich. Die Große dagegen langweilt sich, sobald sie sich mit sich selbst auseinandersetzen und beschäftigen soll. Da hilft sie sogar lieber im Haushalt mit, als sich zurückzuziehen und Zeit für sich einzufordern.

Über die Stärken der Kinder freuen und die Leidenschaften fördern.

Wäre es nach mir gegangen, säße bis heute keines der Kinder auf einem Pferderücken – einfach, weil ich selbst mich nie damit wohl gefühlt habe. Ginge es nach dem Herzmann, hätte er lieber vier Mathegenies daheim sitzen, als jemals den Fahrdienst der Gardemäuse zu einem Faschingsball (sein persönlicher Albtraum) zu übernehmen. Aber das sind unsere Wünsche. Nicht die der Kinder. Wir können unsere Wünsche und Belange nicht einfach so über sie werfen, weil WIR sie für richtig halten.

Ich habe hier vier Kinder, die sehr unterschiedlich sind. Jedes hat seine Stärken woanders. Aber mit Überredungskünsten kam ich bisher bei keinem Kind weiter. Zumindest habe ich keinerlei positive Veränderung gemerkt, nachdem ich gesäuselt hatte, das dies und jenes aber so toll sei.

Die Motivation zu den Hobbies erfolgt intrinsisch – vom Kind aus.

Die Große übt seit Wochen enthusiastisch Klavier – seit ich sie nicht mehr daran erinnere. Freiwillig, weil es ohne Ermahnung, Erinnerung und Überredung einfach mehr Spaß macht. Das Seepferdchen der Mädels wurde gemacht, als sie sich bereit dazu fühlten. Sicher, den Schwimmkurs davor haben wir gemeinsam bewältigt – jedoch auch vor der Anmeldung gefragt, ob sie schwimmen lernen wollen. Aber das Schwimmabzeichen kam erst, als sich beide ihrer Sache sicher waren. Ohne Einwirkung. Ohne Verein. Sondern jeweils im Urlaub.

Hobbies, egal ob Sport oder Musik oder künstlerischer Art, müssen in erster Linie eins: Spaß machen und freiwillig sein!

Statt Mannschaftssport auf dem Bolzplatz ist vielleicht Geocaching etwas, das einem eher schüchternen Kind gefällt. Auch Bouldern oder der Hochseilgarten sind wunderbare Möglichkeiten, ohne viele andere Kinderaugenpaare, die einen anstarren, sich auszupowern. Aber auch hier gilt, wenn das Kind das nur mir zuliebe macht, fühlt es sich falsch und aufgezwungen an.

Man muss Bewegung und Sport ja auch nicht immer als solches verkaufen. Der Weg mit dem Rad zum Bäcker und den Wochenendeinkauf fürs Frühstück erledigen, erfüllt auch schon mit Stolz. Oder das Wettrennen mit der Mama, die auf halber Strecke zu keuchen anfängt. 😛

Soziale Kontakte, den Teamgeist und das Selbstbewusstsein kann man auch anders fördern.

Wie wäre es mit einem Debattierclub? Oder einem Zeitschriftenabo, das wissenschaftliche Themen kindgerecht aufbereitet? Und eine Übernachtungsparty, bei der die Kinder bis spät in die Nacht hinein unter der Bettdecke mit Taschenlampenlicht Gruselgeschichten erzählen oder heimlich naschen?

Es gibt so viele Möglichkeiten, Kindern zu zeigen, wie toll sie sind. Aber ein aufgezwungenes Hobby ist es nicht. Denn ich gehe jede Wette ein, wenn du dich nackt unwohl fühlst, gehst du sicher auch nicht in die Sauna, nur weil deine Eltern das gern tun und dir das anraten. Ich wette auch, dass du nicht urplötzlich anfängst, Gleichungen aus dem dritten Semester Mathestudium lösen zu wollen, weil dir nahe gelegt wird, dass man das zur Vollendung der Persönlichkeit braucht.

Das Selbstbewusstsein durch Hobbies kann sich eben nur dann entfalten, wenn man sich wohl fühlt und selbst dahinter steht. 

Wie siehst du das? 

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6 Kommentare zu „Selbstbewusstsein durch Hobbies? Nur ohne Zwang!“

  1. Woher sollen denn Kinder alle Möglichkeiten kennen? Ich verstehe das wirklich nicht, was ist so schlimm dran, wenn ich meinem Jungen Teamgeist mit auf den Weg geben möchte und ihn daher ermuntere, Dinge auszuprobieren. Ich habe meinen Kleinen damals kurzerhand im Verein angemeldet – gegen seinen Willen, besser gesagt, er hatte halt „keine Lust“.

    Wäre das so geblieben -kein Ding, dann versuchen wir was anderes. Aber nach genau zwei Trainingsstunden war er restlos begeistert. Heute ist er übrigens im gleichen Verein Jugendtrainer und zweiter Vorstand. Nicht immer so viel TamTam machen, was die lieben Kleinen möchten oder nicht. Es sind Kinder, die noch nicht alle Wege kennen und es ist meine Aufgabe, ihnen all die schönen Dinge zu zeigen, damit sie sich tatsächlich entscheiden können.

    1. Der Unterschied liegt aber doch darin, dass man auch einfach abwarten kann, bis das Kind soweit ist. Man kann es gern immer wieder in die richtige Richtung stupsen, aber überreden, nur weil ICH das für gut halte, ist der falsche Weg.
      Und dann finde ich, macht es schon was aus, ob ich eine gewisse Sache vorschlage und sage „Komm, das gucken wir uns gemeinsam an!“ oder „Ich will, dass du das jetzt machst!“. Weißt du, worauf ich hinaus will?

      Zwischen verschiedenen Optionen aufzeigen und meinen Willen, wie in deinem Beispiel, aufdrängen, gibt es eine Differenz. Wir Eltern sind auch nicht allwissend und ich maße mir an zu sagen, dass Kinder ihre Bedürfnisse und Wünsche ganz anders wahrnehmen und zu äußern trauen, wenn wir genau dies berücksichtigen.

  2. Ich bin da ganz bei dir! Ich finde es erschreckend, wieviele Freundinnen meiner Tochter am Nachmittag mit Hobbies verplant sind, die sie ganz offensichtlich garnicht machen möchten. Jeden Dienstag nach der Schule höre ich von ihrer Freundin den gleichen Satz: ich hab heute Gitarre und hab überhaupt keine Lust! Ich frage mich ganz ehrlich, was das dann soll? Ich bin der Meinung, die Aktivitäten nachmittags sollen Spaß machen, es gibt in der Schule genug Dinge, die gemacht werden müssen, muss dann ein Zwang am Nachmittag auch noch sein.
    Bestes Beispiel: ich selber musste als Kind zum Klavierunterricht, weil meine Eltern sich das für mich so wünschten.. mit 12 hatte ich ganz arg einfach keine Lust mehr, hätten meine Eltern so aber nie akzeptiert. Ich habe dann 2 Jahre lang so getan, als ginge ich zu Klavier und bin stattdessen in der Stadt rumgelungert. Ich hatte davor 5 Jahre Unterricht…was kann ich heute, und spiele ich heute Klavier… naaaa… nein natürlich nicht! Nie wieder eine Minute nach dem Unterricht. Genau das will ich für mein Kind nicht!
    Meine Tochter reitet, was für mich fast gruselig ist, weil ich so garkeinen Bezug zu Pferden habe.. aber wenn ich Ihre strahlenden Augen sehe und mit welcher Hingabe sie sich um das Pferd kümmert, geht mir das Herz auf.

    Ich lese deinen Blog übrigens sehr sehr gerne. Du schreibst auf eine so ehrliche und authentische Weise, wundervoll. Bitte auch in Zukunft mehr davon.

    Liebe Grüße,
    Stella

    1. Hallo Stella,
      ich finde es gut, wie du es handhabst. Und du hast recht. Je mehr man mit Druck etwas machen muss, desto weniger macht man es dann, wenn der Druck nicht mehr vorhanden ist.

      Danke für dein Kompliment. Feedback zu dem, was ich hier mache, bedeutet mir sehr viel. <3

      Herzliche Grüße

  3. Hallo Julie,
    ja, sehe ich ganz genau so!
    Eltern sollten den allgemeinen Anspruch vertreten, also: dass man etwas macht mit Musik und auch etwas mit Sport. Das ist einfach für die Entwicklung des Menschen gut.

    Aber: was da genau gemacht wird, das müssen Kinder sich tatsächlich selber aussuchen, denn nur dann halten sie es durch.

    Als Instrument hat meine Tochter Cello gewählt. Da hätte ich selber niemals vorgeschlagen, aber sie wollte das unbedingt. Da z.B. bin ich ziemlich sicher, dass sie das deshalb auch lange machen wird, ohne Widerstand zu entwickeln.

    VG
    D.

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