Rollentausch – wenn die Schwestern die „Mamas“ der Brüder sind

In letzter Zeit fing ich mir von meinen Mädels immer wieder Kommentare ein, die im Endeffekt beinhalteten, dass ich als Mama ja ein bequemes Leben führe. Ich sitze den ganzen Tag rum, „spiele“ am Handy oder PC und zwischendrin serviere ich Essen. Man kann sich also ausmalen, wie gelegen mir diese Situation am Sonntagmorgen kam.

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„Mama? Heute sind WIR die Mamas und ihr nur Oma und Opa. Und wir kümmern uns um unsere Babies. Der Zwerg ist mein Baby und der Frosch ist das Baby von der Prinzessin. Ja? Geht das?“ schallt es mir schon vor dem Frühstück ins Ohr. Na klar geht das. Aber ob die beiden Mädchen sich dessen bewusst sind, was es heißt, ständig hinterher zu rennen, zu wickeln, zu füttern, zu kochen, umgeschüttete Milch aufzuputzen? Vielleicht wissen sie es nach einem Tag Rollentausch.

Als „Oma“ sitze ich also da, frage, ob die Mädels schon den Tisch gewischt und gedeckt haben und was es heute zum Frühstück geben soll. „Frühstück? Was haben wir denn da?“, will die Prinzessin wissen. Weil wir gestern aber spontan sehr lange unterwegs waren, haben wir nicht eingekauft. Aber ich als „Oma“ erbarme mich und backe zum Frühstück Zimtschnecken.

Weil das den Frosch so sehr freut, fuchtelt er wie wild mit den Armen. Dabei verschüttet er seine Tasse Milch. Ich bleibe seelenruhig sitzen und erinnere die Prinzessin daran, dass das heute IHR Kind ist und sie vielleicht schauen sollte, dass die Milch nicht gerade in die Sitzpolster läuft. Nachdem ihr bewusst wird, sie muss wirklich aufstehen und sich um den „Milchschaden“ kümmern, wird sie hektisch und zerrt zum Schluss ein Geschirrtuch aus der Schublade. Die Zimtschnecken schmecken ihr bei dem Trubel nur halb so gut.

Nach dem Frühstück wollen alle Kinder direkt vom Tisch aufspringen und spielen gehen. Äh, nix da. Wir als Eltern bleiben immer sitzen, bis der letzte mit dem Essen fertig ist. Und das Geschirr stehen lassen? Funktioniert für Eltern nicht. Leicht genervt räumen sie den Tisch ab, während die beiden Jungs spielen und schon den nächsten Unsinn im Kopf haben. Komischerweise klappt es ganz schnell und ich bekomme sogar noch einen Cappuccino von der Großen.

Die zwei „Mamas“ wollen mit ihren Kindern eine Siedlungsrunde drehen und fragen den „Opa“ um Erlaubnis. Ob es so gut ankommt, als Mama mit einem Kind im Schlafanzug und ohne geputzte Zähne aus dem Haus zu gehen, weiß er allerdings nicht. Den Zaunpfahl verstehen die beiden Mäuse aber sehr gut und mühen sich daraufhin zumindest 30 Minuten ab, den beiden Jungs die Zahnbürsten auch nur irgendwie in den Mund zu schieben. Weil Mamas aber auch manchmal eitel sind, kämmen sie sich gegenseitig die Haare – während der Frosch im Wohnzimmer die nächste Verwüstung mit Buntstiften, aus dem Garten hereingetragener Erde und Weintrauben anrichtet. Mein dezenter Hinweis wird mit großen erschrockenen Augen entgegen genommen und zwei adrett gekleidete und perfekt frisierte Jungmamas rennen los, um Schlimmeres zu verhindern.

Endlich haben es alle vier nach draußen geschafft. Während die Prinzessin aber lieber Weinbergschnecken begutachtet, als sich um ihr „Baby“ zu kümmern, gießt dieser munter fröhlich Regenwasser über seine Beinchen. Die „Mama“ des Zwerges versucht unterdessen, Schmetterlinge zu sammeln, während ihr „Kind“ sich beschwert, dass niemand ihm den Fahrradhelm zu macht. Also erinnern wir „Großeltern“ sie immer wieder daran, dass sie heute eine gewisse Aufsichtspflicht haben und ihre Babies gut im Blick haben sollten.

„Boah Mama, das ist so super anstrengend. Der Frosch kann noch gar nicht reden und mir sagen, was er will! Und dauernd rennt er weg und wirft mit Sand!“ Auch die Große findet keine erfreulicheren Worte für ihre Rolle als Tagesmama. „Ständig ruft er und will sogar, dass ich ihm beim Anziehen helfe. Mama, der ist VIER!“

Ich muss schmunzeln. Ja, so ist das als Mama. Als Mama, die zwar das Handy in der Hand hat, wenn sie mit am Sandkasten sitzt, aber eben nebenbei noch Artikel schreibt, Termine abklärt und die Freizeitgestaltung organisiert.

Gegen 11 Uhr will ich zu kochen anfangen. Ich finde ein Schlachtfeld vor. Mehrere Brettchen mit Frühstücksmessern liegen herum, Tomatenstückchen, Gurkenteile und andere Gemüsereste sind großzügig über die Theke und den Esstisch verstreut, zwei Schüsseln mit grobschlächtig geschnittenen Salatzutaten stehen irgendwo dazwischen. Am Werk sind beide Mamas, die ihren Kindern einen Salat zubereitet haben. Auf meine Frage, ob sie zuvor die Hände gewaschen und die Zutaten gesäubert haben, blicken sie ertappt zur Seite. „Ihr wisst aber schon, dass ihr da dann ziemlich viel Dreck von eurer Gartenarbeit mit im Essen habt?“, frage ich. „Aber Mama, das essen ja auch unsere Kinder, nicht wir!“ Noch Fragen?

Immerhin das mit dem Windeln wechseln klappt bei der Prinzessin und dem Frosch erstaunlich gut. Dagegen verzieht die Große angewidert das Gesicht, als der Zwerg – völlig in seiner Rolle als Baby aufgehend – nach „Mama“ ruft, damit ihm der Hintern abgewischt wird.

Ich als Oma stehe derweil in aller Seelenruhe in der Küche und schnibble Gemüse für die Suppe. Das werden sie schon machen, die beiden.

Bevor es ans Essen geht, erinnere ich die beiden Mädels daran, dass der „Opa“ eben ihre Arbeiten, nämlich das Salatmassaker beseitigen, erledigt hat, aber der Tisch nicht gewischt, der Boden nicht gesaugt ist und die Spielsachen noch immer quer verteilt im Wohnzimmer liegen. Aber sie können ihre Kinder ja dazu animieren, dass diese ihnen helfen.

„Aber die Große muss doch kochen, die ist heute Mama!“, beschwert sich der Zwerg entrüstet, nachdem ich zum Essen gerufen habe. Die weicht nur geschickt mit „Wir sind heute bei Oma zum essen eingeladen.“ aus. Schlaues Kind. Gewusst wie.

Nach dem Essen darf der „Opa“ den Frosch ins Bett bringen. Die Prinzessin hat ihm großmütig diese Aufgabe übertragen. Eigentlich will sie ja das Sonntagsmärchen anschauen. Aber der Tisch ist noch voll mit Geschirr, über den Boden kullern Backerbsen und die Töpfe müssen noch in die Spülmaschine. Sichtlich genervt ob der neuen Aufgaben macht sie sich ans Werk, während die Große sich darüber auslässt, was sie alles besser macht als ihre kleine Schwester. Während sie sich selbst mit Nachtisch bekleckert und vergisst, ihre eigenen Sachen in der Spüle zu verstauen, versteht sich.

Völlig geschafft von den wenigen Stunden, in denen sie – Wie war das? Rumsitzen und spielen? – die Mamis waren, setzen sie sich endlich nach getaner Arbeit an den Fernseher und schauen das schon gestartete Sonntagsmärchen.

Nach dem Sonntagsmärchen suche ich das Gespräch mit den beiden Mädels.

„Na, das war jetzt aber gar nicht so schwer als Mama oder?“, will ich wissen. „Weißt du,“ beginnt die Prinzessin „wir sind ja noch Kinder! Wir müssten das ja alles eigentlich gar nicht machen.“ Die Große pflichtet ihr bei, meint jedoch, dass es nicht ganz so dramatisch ist, wie die Prinzessin das ausgeführt hat. Klar, sie ist auch ein bisschen älter und daher fallen ihr manche Dinge vielleicht einfacher.

Ich erkläre den beiden, dass Eltern sein eben mehr ist, als mit Kindern zu spielen, dass erwachsen werden mehr bedeutet, als nur Freiheiten zu genießen. Neben meinem Luxus, mir die Zeit frei einteilen zu können, habe ich aber auch gewisse Aufgaben. Diese müssen erledigt werden, ohne wenn und aber. Und sei es nur, dass ich Streitschlichter bin, den 4en immer saubere Unterwäsche zur Verfügung steht, das Mamataxi funktioniert und die Pausenbrote auch wirklich im Schulranzen landen.

„Hmm ja, stimmt schon. Aber wir spielen wieder Mamas, ja? Aber diesmal wirklich nur spielen. Die Aufgaben außenrum sind mir nämlich verdammt viel. Und wenn man was liegen lässt, dann muss man das nachmachen. Dann wird das ja noch mehr.“, überlegt die Große. „Mama, kannst du bitte wieder den Haushalt machen?“

Ich lächle verständnisvoll und nicke. Vielleicht überdenken sie in Zukunft ihre Aussagen mir gegenüber, wenn ich mal wieder am PC sitze und tippe oder mich für fünf Minuten mit Zeitschrift und Cappuccino zurück ziehe. Denn sie haben selbst im Rollentausch gemerkt, als Mama ist das Leben nicht ohne. Und manchmal braucht man eben ein paar Minuten um durchzuschnaufen und wieder Kraft zu tanken, denn Kinder kosten Zeit, Kraft, Nerven.

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Die Kinder waren zu keiner Zeit in Gefahr, ohne Aufsicht oder in einer bewusst herbeigeführten unangenehmen Situation. Wir Eltern waren jederzeit in greifbarer Nähe, um notfalls einzugreifen oder abzubrechen. 

 

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